Till Eulenspiegel
Eulenspiegel ist Kult, klarer Fall - Faktum. Der Schalk - Schalk bedeutet
übrigens eher Gauner als Clown -, der, bewaffnet mit Narrenkappe, Schellen,
losem Mundwerk und hintergründigem Humor, im Mittelalter sein Unwesen
vor allem im Braunschweiger Land, aber auch bis hin nach Berlin, Prag
und Rom getrieben haben soll. Kult vor allem deshalb, weil er in uns allen
bis heute lebt. Immer dann, wenn vor Schadenfreude herzhaft gelacht wird.
Begonnen hat die Legende Eulenspiegel bereits im Kindesalter, als er sich
als Nichtsnutz entpuppt hatte und seine Umgebung ärgerte. Geboren soll
er um das Jahr 1300 im Dorf Kneitlingen im Sachsenland sein, als Kind
von Klaus und Ann Wibeken. Nach der Taufe des Knaben soll dessen Patin,
bierselig vom Tauffest, den Knaben auf dem Heimweg von einem Steg, der
über einen Bach führte, in das Wasser fallen gelassen haben, wobei er
beinahe ertrank. Till wurde gerettet und anschließend zu Hause in einem
Kessel gewaschen - so wurde er drei Mal an einem Tag getauft.
Plattdeutsch bedeutet der Name: "Ulenspeygel" nichts anderes als: fegen,
reinigen, von: "Uhlen". Und: "Spiegel", von: "Speygel" - in der Jägersprache
trivial: "Leck mich am Arsch".
Von Generation zu Generation wurden seine Streiche weitergetragen, mit
denen er vor allem die monetäre Obrigkeit, genauso jedoch die einfachen
Pfarrer, Bäcker oder Bauern mit deren Unzulänglichkeiten und Narzissmus,
foppte, immer auf den eige-nen Vorteil bedacht. Hermann Bote verfasste
erstmals ein bebildertes Buch darüber, das um 1510 erschien. Bekannter
Ausspruch Eulenspiegels: "Ick bin Ulen Spegel" - ich halte euch den Spiegel
vor. Viele berühmte Schriftsteller haben sich seither mit dem Thema Till
Eulenspiegel beschäftigt und die Texte nacherzählt oder verändert. Die
Figur Eulenspiegel wurde unterschiedlich interpretiert. Auf Grund seiner
Herkunft sah man in Till Eulenspiegel lange einen aus dem Bauerntum stammenden
Men-schen, der Kritik an dem ländlichen Adel und an der städtischen Gesellschaft
geübt hat.
In Braunschweig, Mölln und Kneitlingen zieren Denkmäler des Schalks die
Stadt - in Schöppenstedt wurde eigens für ihn ein Museum eröffnet. Am
Westportal der Möll-ner Nicolaikirche ist ein Gedenkstein eingemauert,
er wurde wahrscheinlich um 1530 aufgestellt und zeigt Eulenspiegel mit
helmartigem Hut, Die Stadt Magdeburg hat eine Straße (Till-Eulenspiegel-Ring)
nach ihm benannt. Außerdem befindet sich auf dem Alten Markt der Eulenspiegel-Brunnen.
In Bernburg steht der Eulenspiegelturm, Wahrzeichen der Stadt - ein gewaltiger
Rundturm. Dort soll sich die Geschichte des Turmwächters abgespielt haben,
eine der bekanntesten Sagen Eulenspiegels. In Einbeck soll er statt des
angewiesenen Hopfens den Hund namens "Hopf" eines Bauern gekocht haben,
in Erfurt soll er ei-nem Esel das Lesen beigebracht haben - immer grotesk
und makaber.
Man muss ihn ambivalent sehen, Till Eulenspiegel - Gelegenheitsarbeiter,
Zechprel-ler, Gauner, Faulpelz und Bauernfänger, der betrog, erpresste,
verspottete und fest-stehende Redewendungen und metaphorische Aussprüche
wörtlich zu nehmen pflegte.
Brrrrr - also mehr Gauner denn sympathischer Schelm, man weiß es nicht
genau. Jener Till Eulenspiegel, dessen Sarg bei der Beerdigung in Mölln
abgestürzt sein soll und senkrecht stecken geblieben. Das nenn ich eine
Beerdigung - echt kultig. Was ist dran an einem, der Brotbäcker um deren
Brot betrügt, einer Bäuerin das Mus verleidet, um es alleine zu essen,
und den Leuten im Mittelalter den blanken Hintern entgegen streckt? Schwer
erziehbar - tschuldigung: schwierig erziehbar heißt das heute - Kuschelpädagogik,
auch schon wieder kurz vor dem Aus.
Schließlich hat Eulenspiegel, wenn es ihn denn gab, schon emphatisch dessen
Eltern genervt bis zur Weißglut und Pazifismus sieht anders aus.
Scheinbar gab es damals keine Heilpädagogik oder wie soll man das verstehen,
dass einer die Gesellschaft schädigt und deshalb zur Kultfigur wird? Wegschließen
- den Schlüssel wegwerfen, dann gäbe es das alles nicht: den Possenreißer,
den größten Schalksnarr aller Zeiten, Narr aller Narren, die Museenfigur
und das Mas-senphänomen: Eulenspiegel. Heldenhafter Protagonist in unzähligen
Erzählungen, in 280 Sprachen übersetzt, Film- und Comicheld - lächerlich.
Wegschließen! weg-schießen! Hätte man müssen. Nein - Eulenspiegel polarisiert
eben. Nichtsnutz! Taugenichts! So könnte man es sehen - zumindest zu Lebzeiten.
Synonym für alle ungezogenen Kinder und Jugendlichen heute, deren Eltern
auf die begangenen Streiche antworten: "Er meint es ja nicht so, er ist
: `ein Michel` (der aus Lönneberga) - tut weh, oder: ‚Bart Simpson' -
Wahnsinn. Schlimmstenfalls: ‚Till Eulenspiegel'" - abartig!
So ist das nicht? Und ob das so ist - vielleicht. Unbedingtes Muss, wenn
so einer einem eine Delle ins Auto haut oder einem vors Schienbein tritt
-Till Eulenspiegel zu verdanken oder dem, der sich das Bürschchen vermutlich
nur ausgedacht hat - Kult.
Von Karneval ganz zu schweigen: Ein Meer voller Narrenkappen - Eulenspiegels
äußeres Erkennungsmerkmal. Schadenfreude, wohin das vom Suff gerötete
Auge blickt. Neuerdings sollen schon die Sanitäter und Ärzte verprügelt
werden, wenn sie helfen wollen. Möchtegern-Narren, die mit Kamellen werfen
und beflissen durch die Menge winken, und mittendrin Schnapsleichen, die
unter lautem Getöse ins nächste Krankenhaus transportiert werden.
Egal ob fiktive literarische Figur oder kulturhistorische Realität - es
gehört zensiert, wurde es schließlich im 19. Jahrhundert auch.
Wer wird morgen Kult? U-Bahn-Treter? - kultverdächtig. Und was würde Eulenspie-gel
antworten? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: "Leck mich..."
- so war er. Oder?
Literatur:
Christa Wolf: Till Eulenspiegel, Erzählung für den Film. (zusammen mit Gerhard Wolf) 1974
Erich Kästner: Till Eulenspiegel, Nacherzählung. Hamburg: Dressler 1980
Ernst Götzinger: Reallexikon der deutschen Altertümer. Leipzig 1885
Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg: Verlag Herder 1994
Jürgen Schulz-Grobert: Das Straßburger Eulenspiegelbuch. Tübingen: Niemeyer 1999 (urspr. Diss. Marburg 1996)
Ernst Andreas Friedrich: Wenn Steine reden könnten. Landbuch-Verlag, Hannover 1989, ISBN 3-7842-0397-3
Dirk und Anke Seliger: Die Rückkehr des Till Eulenspiegel. Neue
Schelmenstreiche. Föritz: amicus Verlag 2001, ISBN 3-935660-03-0
Weblinks:
Commons:
Till Eulenspiegel - Bilder, Videos und Audiodateien
Till
Eulenspiegel als Online-Text im Projekt Gutenberg-DE
Eulenspiegel-Museum
Till
Eulenspiegel, ein Schelm?
Wikipedia-Eintrag
Zu Teil 2
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