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Legendäre Streiche. Von Thomas Maentele

Till Eulenspiegel

Eulenspiegel ist Kult, klarer Fall - Faktum. Der Schalk - Schalk bedeutet übrigens eher Gauner als Clown -, der, bewaffnet mit Narrenkappe, Schellen, losem Mundwerk und hintergründigem Humor, im Mittelalter sein Unwesen vor allem im Braunschweiger Land, aber auch bis hin nach Berlin, Prag und Rom getrieben haben soll. Kult vor allem deshalb, weil er in uns allen bis heute lebt. Immer dann, wenn vor Schadenfreude herzhaft gelacht wird.

Begonnen hat die Legende Eulenspiegel bereits im Kindesalter, als er sich als Nichtsnutz entpuppt hatte und seine Umgebung ärgerte. Geboren soll er um das Jahr 1300 im Dorf Kneitlingen im Sachsenland sein, als Kind von Klaus und Ann Wibeken. Nach der Taufe des Knaben soll dessen Patin, bierselig vom Tauffest, den Knaben auf dem Heimweg von einem Steg, der über einen Bach führte, in das Wasser fallen gelassen haben, wobei er beinahe ertrank. Till wurde gerettet und anschließend zu Hause in einem Kessel gewaschen - so wurde er drei Mal an einem Tag getauft.

Plattdeutsch bedeutet der Name: "Ulenspeygel" nichts anderes als: fegen, reinigen, von: "Uhlen". Und: "Spiegel", von: "Speygel" - in der Jägersprache trivial: "Leck mich am Arsch".

Von Generation zu Generation wurden seine Streiche weitergetragen, mit denen er vor allem die monetäre Obrigkeit, genauso jedoch die einfachen Pfarrer, Bäcker oder Bauern mit deren Unzulänglichkeiten und Narzissmus, foppte, immer auf den eige-nen Vorteil bedacht. Hermann Bote verfasste erstmals ein bebildertes Buch darüber, das um 1510 erschien. Bekannter Ausspruch Eulenspiegels: "Ick bin Ulen Spegel" - ich halte euch den Spiegel vor. Viele berühmte Schriftsteller haben sich seither mit dem Thema Till Eulenspiegel beschäftigt und die Texte nacherzählt oder verändert. Die Figur Eulenspiegel wurde unterschiedlich interpretiert. Auf Grund seiner Herkunft sah man in Till Eulenspiegel lange einen aus dem Bauerntum stammenden Men-schen, der Kritik an dem ländlichen Adel und an der städtischen Gesellschaft geübt hat.

In Braunschweig, Mölln und Kneitlingen zieren Denkmäler des Schalks die Stadt - in Schöppenstedt wurde eigens für ihn ein Museum eröffnet. Am Westportal der Möll-ner Nicolaikirche ist ein Gedenkstein eingemauert, er wurde wahrscheinlich um 1530 aufgestellt und zeigt Eulenspiegel mit helmartigem Hut, Die Stadt Magdeburg hat eine Straße (Till-Eulenspiegel-Ring) nach ihm benannt. Außerdem befindet sich auf dem Alten Markt der Eulenspiegel-Brunnen.

In Bernburg steht der Eulenspiegelturm, Wahrzeichen der Stadt - ein gewaltiger Rundturm. Dort soll sich die Geschichte des Turmwächters abgespielt haben, eine der bekanntesten Sagen Eulenspiegels. In Einbeck soll er statt des angewiesenen Hopfens den Hund namens "Hopf" eines Bauern gekocht haben, in Erfurt soll er ei-nem Esel das Lesen beigebracht haben - immer grotesk und makaber.

Man muss ihn ambivalent sehen, Till Eulenspiegel - Gelegenheitsarbeiter, Zechprel-ler, Gauner, Faulpelz und Bauernfänger, der betrog, erpresste, verspottete und fest-stehende Redewendungen und metaphorische Aussprüche wörtlich zu nehmen pflegte.

Brrrrr - also mehr Gauner denn sympathischer Schelm, man weiß es nicht genau. Jener Till Eulenspiegel, dessen Sarg bei der Beerdigung in Mölln abgestürzt sein soll und senkrecht stecken geblieben. Das nenn ich eine Beerdigung - echt kultig. Was ist dran an einem, der Brotbäcker um deren Brot betrügt, einer Bäuerin das Mus verleidet, um es alleine zu essen, und den Leuten im Mittelalter den blanken Hintern entgegen streckt? Schwer erziehbar - tschuldigung: schwierig erziehbar heißt das heute - Kuschelpädagogik, auch schon wieder kurz vor dem Aus.

Schließlich hat Eulenspiegel, wenn es ihn denn gab, schon emphatisch dessen Eltern genervt bis zur Weißglut und Pazifismus sieht anders aus.

Scheinbar gab es damals keine Heilpädagogik oder wie soll man das verstehen, dass einer die Gesellschaft schädigt und deshalb zur Kultfigur wird? Wegschließen - den Schlüssel wegwerfen, dann gäbe es das alles nicht: den Possenreißer, den größten Schalksnarr aller Zeiten, Narr aller Narren, die Museenfigur und das Mas-senphänomen: Eulenspiegel. Heldenhafter Protagonist in unzähligen Erzählungen, in 280 Sprachen übersetzt, Film- und Comicheld - lächerlich. Wegschließen! weg-schießen! Hätte man müssen. Nein - Eulenspiegel polarisiert eben. Nichtsnutz! Taugenichts! So könnte man es sehen - zumindest zu Lebzeiten.

Synonym für alle ungezogenen Kinder und Jugendlichen heute, deren Eltern auf die begangenen Streiche antworten: "Er meint es ja nicht so, er ist : `ein Michel` (der aus Lönneberga) - tut weh, oder: ‚Bart Simpson' - Wahnsinn. Schlimmstenfalls: ‚Till Eulenspiegel'" - abartig!

So ist das nicht? Und ob das so ist - vielleicht. Unbedingtes Muss, wenn so einer einem eine Delle ins Auto haut oder einem vors Schienbein tritt -Till Eulenspiegel zu verdanken oder dem, der sich das Bürschchen vermutlich nur ausgedacht hat - Kult.

Von Karneval ganz zu schweigen: Ein Meer voller Narrenkappen - Eulenspiegels äußeres Erkennungsmerkmal. Schadenfreude, wohin das vom Suff gerötete Auge blickt. Neuerdings sollen schon die Sanitäter und Ärzte verprügelt werden, wenn sie helfen wollen. Möchtegern-Narren, die mit Kamellen werfen und beflissen durch die Menge winken, und mittendrin Schnapsleichen, die unter lautem Getöse ins nächste Krankenhaus transportiert werden.

Egal ob fiktive literarische Figur oder kulturhistorische Realität - es gehört zensiert, wurde es schließlich im 19. Jahrhundert auch.

Wer wird morgen Kult? U-Bahn-Treter? - kultverdächtig. Und was würde Eulenspie-gel antworten? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: "Leck mich..." - so war er. Oder?

Literatur:
  • Christa Wolf: Till Eulenspiegel, Erzählung für den Film. (zusammen mit Gerhard Wolf) 1974
  • Erich Kästner: Till Eulenspiegel, Nacherzählung. Hamburg: Dressler 1980
  • Ernst Götzinger: Reallexikon der deutschen Altertümer. Leipzig 1885
  • Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg: Verlag Herder 1994
  • Jürgen Schulz-Grobert: Das Straßburger Eulenspiegelbuch. Tübingen: Niemeyer 1999 (urspr. Diss. Marburg 1996)
  • Ernst Andreas Friedrich: Wenn Steine reden könnten. Landbuch-Verlag, Hannover 1989, ISBN 3-7842-0397-3
  • Dirk und Anke Seliger: Die Rückkehr des Till Eulenspiegel. Neue Schelmenstreiche. Föritz: amicus Verlag 2001, ISBN 3-935660-03-0


  • Weblinks:
    Commons: Till Eulenspiegel - Bilder, Videos und Audiodateien
    Till Eulenspiegel als Online-Text im Projekt Gutenberg-DE
    Eulenspiegel-Museum
    Till Eulenspiegel, ein Schelm?
    Wikipedia-Eintrag

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