Paul Di' Anno noch mal live
Über
Paul Di’ Anno kann man denken und sagen, was man will, tot zu kriegen
ist er irgendwie nicht. Mit mehr oder minder großem Erfolg ist er nun
seit gut 30 Jahren im Musikgeschäft tätig, wobei natürlich die Phase
als Sänger bei Iron Maiden (1978 - 1981) als die erfolgreichste
gewertet werden kann. Dass Paule hauptsächlich von seinen Iron
Maiden-Tagen lebt, wurde beispielsweise 1992 deutlich, als auf dem
(doch recht erfolgreichen) Album „Murder One“ seiner neuen Band
„Killers“ der Iron Maiden-Klassiker „Remember Tomorrow“ in neu
vertonter Version auftauchte. Zudem ist der gute Mann immer häufiger
auf Iron Maiden-Tribute-Samplern zu hören, wo er Songs der ersten
beiden Iron Maiden-Alben erneut zum Besten gibt. Frei nach Knorkator:
„Tribute to mich selbst“.
Von allerhöchster Qualität ist das,
was uns von Paul Di’ Anno nach den Iron Maiden-Tagen zu Ohren kommt
nicht immer. Obwohl ich sehr Vieles davon mag, muss auch ich sagen,
dass seine Stimme wirklich sehr gelitten hat und der
Wiedererkennungswert seiner Stimme zu Iron Maiden-Zeiten und in
heutigen Tagen sehr gering ist. Trotz allem freute ich mich bereits
2001 über die Nachricht, dass „Paul Di’ Anno & Killers“ auf dem
Wacken Open Air spielen würden. Nicht weniger freute ich mich 2005, als
ich las, dass Paul Di’ Anno nach Hamburg kommen würde und dort im
Headbanger’s Ballroom zum Konzert lädt. Ich habe also nicht lange
gezögert und mir eine Karte bestellt. Als ich an den Gig vom Wacken
Open Air 2001 dachte, war mir klar, dass der Auftritt im Headbanger’s
Ballroom um einiges schmaler ausfallen würde, da dies eine eher kleine
Lokalität ist, bei der die Bühne gerammelt voll ist, wenn mehr als fünf
Leute drauf stehen. Schlecht ist das natürlich nicht für die
Atmosphäre. Und gerade weil’s dort so klein ist, packte ich einige
CD-Booklets ein, die der gute Paul ja vielleicht signieren könnte.
Am
Donnerstag, 1. Dezember 2005 war’s soweit. Als Vorband spielte zunächst
eine AC/DC-Coverband. Links von der Bühne konnte man Paule schon in der
Tür des „VIP-Bereichs“ stehen sehen, wie er sich ebenfalls die Band
ansah. Nach einer mehr oder minder langen Umbau- und Soundcheck-Phase
ging’s mit „Paul Di’ Anno & The Phantoms of the Opera“ los. Erstmal
hörte man ein orchestrales Intro des Songs „Iron Maiden“. Danach noch
die Originalversion von „The Ides of March“ und dann auch schon
„Wrathchild“ live. Paul erschien in Lederjacke und mit Sex
Pistols-Shirt. Wüsste ich nicht um seine stimmlichen Qualitäten hätte
ich mich vermutlich erschrocken, ich war jedoch auf alles vorbereitet
und freute mich über den Auftritt. Die Setlist beinhaltete die Iron
Maiden-Klassiker „Killers“, „Phantom of the Opera“, „Prowler“,
„Transylvania“, „Remember tomorrow“, „Running free“, „Murders in the
rue Morgue“ und das abschließende „Sanctuary“. Ergänzt wurde die Liste
durch Songs seiner Solo-Alben, die da wären „Marshall Lokjaw“
(Knaller!), „Dream Keeper“ (ebenfalls spitze!), „Impaler“, „Faith
Healer“ (Sensational Alex Harvey Band-Cover, reicht natürlich nicht ans
Original heran), „The Beast arises“, „Children of Madness“ und „The
Living Dead“. Der vorletzte Song stellte ebenfalls noch eine
Coverversion dar: „Blitzkrieg Bop“ von den worldfamous Ramones!
Bei
den Iron Maiden-Songs gibt’s nicht sonderlich viel zu kommentieren, da
sich diese schon seit Ewigkeiten im Live-Set befinden. Mittlerweile
ergänzt Paul diese durch wildes Grunzen und versucht sie nach eigenen
Aussagen eher punklastig rüber zu bringen. Das Gelbe vom Ei ist das
nicht unbedingt immer, aber Di’ Annos Gigs sind ja auch nicht zum
Angucken da, sondern zum Rocken, da passt das schon! Schön fand ich
dagegen die Ansage zu „Faith Healer“ in dem Paul (sinngemäß) dazu
aufrief das Leben zu genießen und einfach Spaß zu haben. Solche Aufrufe
verfehlen natürlich nicht ihre Wirkung und es macht dann noch mal
doppelt Spaß. Beim Song „Impaler“ versagte die Stimme übrigens
komplett, so dass sich der Sänger für den abschließenden Schrei Hilfe
aus dem Publikum holte. Dies gab er jedoch auch offen zu und erklärte
mehrmals, dass die hohen Passagen der Songs manchmal zu viel für seine
Stimme seien - weniger rauchen könnte helfen. Als es dann mit dem Song
„The Living Dead“ vom letzten Studio-Album „Nomad“ losging, hatte ich
mich gerade bis in die erste Reihe „vorgearbeitet“ und stand damit fast
mitten im Geschehen. Schöne, schöne Sache, obwohl sich der etwas
angeschlagene Sänger nach dem Song für seinen Gesang entschuldigte und
hinzufügte, dass man den Song nicht wieder spielen würde, weil’s
einfach furchtbar war. Für mich ging’s dagegen voll in Ordnung.
Hinzuzufügen
ist auch unbedingt noch, dass Paul nicht mit seiner Background-Band
Killers kam, sondern mit der deutschen Band Re-Vision. Es handelte sich
um deren ersten gemeinsamen Gig. Trotz allem wirkte die Band jedoch
sehr eingespielt und homogen. Lustig waren dabei auch die vielen
Anspielungen auf das vermeintlich kleine Geschlechtsorgan von Drummer
Dominik. Dem Organ wurde sogar ein Song gewidmet, natürlich ein sehr
kurzer. Zudem musste Dominik für weitere Witze herhalten, die soweit
gingen, dass er noch am selben Abend bzw. Morgen einen
gleichgeschlechtlichen heiraten sollte.
Eben jener Dominik
nahm mich später noch mit in den „VIP-Keller“, wo Paul witzereißend mit
einigen Leuten am Tisch saß. Als ich bei ihm ankam, begrüßte er mich
und offenbarte mir gleich (natürlich im Scherz), wie sehr er seine Crew
hasse. Etwas verwirrt, gab ich ihm die Booklets zum Signieren und war
gespannt wie er auf die CD „Live at Last“ der Band Praying Mantis
reagieren würde. Zur kurzen Erklärung: Paul Di’ Anno und ex-Iron Maiden
Gitarrist Dennis Stratton gingen 1990 mit Tino und Chris Troy von
Praying Mantis auf Japan-Tour, um sowohl Praying Mantis-, als auch
Lionheart- und Iron Maiden-Songs zu spielen. In Interviews hatte ich
immer wieder gelesen, dass im Verhältnis Di’ Anno/Stratton leichte
Spannungen herrschen. Also war ich schon fast ein wenig nervös, als ich
Paul das Booklet gab, auf dem er neben Dennis Stratton zu sehen ist.
Paule nahm’s jedoch mit Humor, kotze sich kurz über Dennis aus, der ihm
angeblich mal LSD in den Drink schütten wollte und unterschrieb dann
mehr oder weniger lächelnd mitten im Gesicht des Erzrivalen.
Alles
in allem ein sehr toller Abend. Besonders schön wurde er natürlich
dadurch, dass ich Paul Di’ Anno noch mal in den Katakomben des
Headbanger’s treffen konnte - ein wirklich sympathischer und
humorvoller Mann, ebenso wie die Bandmitglieder von Re-Vision, vielen
Dank natürlich noch mal an Dominik!
Auf der Rückfahrt von
Hamburg stand auf der Autobahn dann noch eine Polizeikontrolle an. Da
ich mehrmals in Bierpfützen getreten war, roch ich natürlich
entsprechend, was den jungen Polizisten offenbar zu der Annahme
verleitete er hätte jemanden ertappt. Der nach dem Pusten festgestellte
0,0 Promillewert wurde mir fast mit einer leichten Enttäuschung in der
Stimme mitgeteilt.
|