Mein
Gott, wie konnte das nur passieren?! Die Hard-Rocker Lordi treten am
20. Mai in Athen für Finnland beim Eurovision Song Contest an. Ist das
jetzt ein Grund zur Freude? Vermutlich ja, aber in erster Linie ist es
ein Grund zum Lachen, denn jeder auch nur ein wenig konservativ
angehauchte Schlagerfan, hat nun genügend Anlass sich mal wieder
kräftig aufzuregen, sehr zur Freude der Metaller, die sich über Lordis
Erfolg diebisch freuen.
Zunächst einmal für die nicht ganz so
Informierten: Lordi ist nicht so eine neue Sensationsband, die ein
bisschen provozieren will, nein, da steckt schon mehr hinter. Frontman
und Bandgründer Lordi ist nach eigenen Aussagen schon seit seiner
Kindheit von Monstern besessen. So hat der Finne einen großen Teil
seiner Schulzeit mit dem Zeichnen von eben jenen Ungetümen verbracht.
Kiss, die schon in den 70ern mit ihren Kostümen und ihrer Bühnenshow
die ältere Generation zu schocken wussten, waren natürlich genau das
richtige für den Herren mit den makaberen Vorlieben. So ist es nicht
verwunderlich, dass der monsterliebende Finne Vorsitzender der
finnischen "Kiss Army" - dem Kiss-Fanclub - wurde. Und da ein richtiger
Fan natürlich danach strebt wie seine Idole zu sein, gründete Lordi
auch gleich seine eigene Band: Lordi.
Lordi sollte
selbstverständlich nicht irgendeine Band sein. So begann der Frontman
damit Kostüme zu entwerfen, die seine Band zu einer etwas anderen Band
werden ließ. Weitere Inspirationsquellen, die sich kaum verleugnen
lassen sind natürlich Twisted Sister, W.A.S.P. und Alice Cooper. Schon
an diesen Namen wird deutlich, wo Lordis Musik anzusiedeln ist, in den
guten alten 80ern nämlich. Dort und in seiner Kindheit ist der Sänger
offenbar auch hängen geblieben. So erzählt Lordi gerne, dass er, wenn
er in den Supermarkt geht, um etwas zu Essen zu kaufen nicht mit Essen
herauskommt, sondern mit Action-Figuren aus der Spielwarenabteilung -
das Kind im Manne, für mich mehr als verständlich.
Nach harter
Arbeit für und mit der Band erschien dann 2002 das erste Lordi-Album
„Get heavy“. Die erste Single-Auskopplung „Would you love a
Monsterman?“ schaffte es in der Heimat auf Platz 1. Die zweite Single
„Devil is a Loser“ rockt noch viel gewaltiger und erteilt dem, was die
eingangs erwähnten Konservativen in Lordi zu sehen fürchten erstmal
eine gehörige Absage. Lordi macht Spaß, Lordi ist böse, aber mit
Satanismus haben die Dame und die vier Herren nichts am Hut.
Erwähnenswert
ist an dieser Stelle auch das Artwork zum Album, das vom Frontman
selbst gestaltet wurde, einige können eben alles. Unter den Tisch
fallen lassen möchte ich auch die Videos nicht, die zu den beiden
Singles gedreht wurden, denn diese sind mehr als großartig inszeniert.
Der
„Get heavy“-Nachfolger kam dann 2004 unter dem Titel „The Monsterican
Dream“ daher. In bester Lordi-Manier geht der Spaß weiter. Es gibt
wieder schöne Melodien zum Mitsingen oder Mitsummen (für die Stilleren)
und ein mehr als tolles Video zum Song „Blood red Sandman“.
Nun,
im Jahre 2006 ist gerade das dritte Album erschienen („The
Arockalypse“) und Lordi haben mit der ersten Single „Hard Rock
Hallelujah“ am finnischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest
teilgenommen - und sie haben 40 % der Stimmen bekommen! Hell yeah!
Passend dazu ist auf der Single also auch die „Eurovicious Radio
Edit“-Version des Sieger-Songs enthalten (habe ich erwähnt, dass Lordi
Wortspiele lieben?).
Und jetzt sind wir wieder am Anfang: Die
einen freuen sich, die anderen sind empört. Unter den Metal- und
Rock-Fans sorgte die Nachricht von Lordis Sieg für eine sehr heitere
Stimmung. Fröhlich stimmt man sich bereits jetzt auf den Auftritt der
Band in Athen ein. So kann man beispielsweise T-Shirts kaufen, die
schon jetzt den Sieger des Wettbewerbes prophezeien. Auch sind
deutschlandweit Voting-Partys angesetzt. In Hamburg wird diese z.B. im
Headbanger’s Ballroom stattfinden.
Die typischen
Eurovision-Zuschauer sehen die Sache natürlich ein wenig anders. Da
spricht man von bösen Monstern, die bei dieser schönen Veranstaltung
nichts zu suchen haben und sogar hie und da von Blasphemie (schon am
Titel „Hard Rock Hallelujah“ deutlich zu erkennen, böse Sache). Auch
AOL titelte schon „Horror-Show im Halbfinale - Hat der Schlager das
Zeitliche gesegnet?“. Bin sehr gespannt auf BILD...
Lordi
scheinen das Ganze sehr zu genießen und sehen alles sehr locker.
Richtig so, zu verlieren haben sie ja nichts. Ich persönlich finde es
auch mehr als spaßig. Besonders wenn man im Radio Phrasen wie „Hören
Sie morgen früh in unserer Morning-Show, wer Texas Lightning gefährlich
werden kann!“. Ganz klar, Lordi natürlich und das im wahrsten Sinne des
Wortes, he he!
Vote for Lordi!
Der Morgen danach:
Finland… 12 points!
Schöne Schlagzeilen überall: Lordi haben den Eurovision Song Contest 2006 in Athen gewonnen!
Mit
ihrem Song „Hard Rock Hallelujah“ wurden die Finnen eigentlich eher
belächelt und unter den Eurovision-Experten keineswegs als Favoriten
gehandelt. Man sah die fünf als Monster verkleideten Musiker eher als
ein kleines Übel, das man beim Finale überstehen müsse. Dass nun gerade
diese Band mit einem haushohen Vorsprung vor den Zweitplatzierten
(Finnland 292 Punkte, Russland 248 Punkte) den Sangeswettbewerb
gewinnt, dürfte für einige sehr überraschend sein, allen voran die Band
selbst.
Dass gerade aus den nordischen Ländern Europas viele
Punkte für Lordi kamen, war nicht weiter verwunderlich, schließlich ist
Rock und Metal in Ländern wie Norwegen und Schweden sehr populär. Aber
auch bei Polen und Griechenland war es weniger verwunderlich zu sehen,
dass Lordi auch hier ankamen. Deutschland gab den „Rockern“ 10 Punkte.
Aber
auch bei den meisten anderen Ländern lagen Lordi hoch im Kurs, selten
gingen sie leer aus oder bekamen weniger als 8 Punkte.
Dass
nun gerade die „Außenseiter“ den Contest gewonnen haben, dürfte in der
Presse für viel Wirbel sorgen, schließlich wollte anfangs keiner so
richtig was mit den monströsen Finnen zu tun haben. Nun da sie gewonnen
haben dürfte ihnen das einen weiteren Popularitätsschub geben. Hören
wir vielleicht bald Lordi im Radio?
Gute Frage, so weit ist es
aber offenbar am Tag nach dem Wettbewerb noch nicht gekommen, dafür
gibt es schon allerlei nette Schlagzeilen zu lesen. So titelt z.B. AOL
„Hard Rock Halleluja verweist Rest-Europa inklusive Texas Lightning auf
die Plätze“ und wagt dann im Artikel einen Ausblick auf die Zukunft des
Wettbewerbes. Orientieren sich vielleicht die nächsten Bands am Sieger
von 2006? Für gewöhnlich hat man dieses Phänomen laut dem Autor schon
beobachtet.
Bei N-TV, die sich mit dem ganzen Ereignis eher
von der lustigen Seite beschäftigt haben, wird Lordi als „Boygroup“ in
der Tradition von Gwar und Slipkont bezeichnet. Tja, sollte das jetzt
irgendwie lässig klingen ist das in die Hose gegangen, denn auch bei
Gags sollte recherchiert werden. Lordi würden dem Schreiber dieser
Zeilen sicher den Kopf abreißen… oder abbeißen, sollten sie das hören,
denn mit diesen Bands hat man im Lordi-Lager absolut nichts am Hut.
Vielmehr liebt man dort Kiss (und VOR ALLEM Kiss), Alice Cooper,
W.A.S.P. und Twisted Sister, Helden der 70er und 80er.
Lordi
selbst, die sich offenbar sehr über ihren Sieg freuten, mussten
zunächst Blumen entgegen nehmen, zudem durfte Obermonster und Sänger
Lordi die Moderatorin küssen, was einmal mehr ein lustiger Anblick war.
Später äußerte sich der Frontman auf ndrtv.de folgendermaßen: „Ich
bedanke mich bei allen Hard-Rock-Fans und allen Zuschauern, die nicht
engstirnig sind.“ Des Weiteren spricht er nicht von einem Sieg für
Finnland, sondern einem Sieg für die Rockmusik. Und was für einem!