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Metall macht Musik. Von Tim Eckhorst. Teil 33

Wacken 2006

 
Es ist Montag, 7. August 2006 und ich bin noch dabei das Wacken Open Air zu verdauen. Vor mir liegt der Running Order und ich versuche zu rekapitulieren, was ich in den letzten Tagen überhaupt so alles erlebt habe.

metall_kolumne_33_bild_01 Richtig begonnen hat das diesjährige Wacken Open Air für mich am Donnerstag mit dem Warten auf die Scorpions am „Meet & Greet“-Stand. Rechtzeitig zur Öffnung der Wacken’schen Pforten zum Festivalgelände, geduldete ich mich ab etwa 16.20 Uhr bis ca. 17:45 Uhr in der Reihe der Wartenden auf das Ankommen der Band. Als Klaus Meine, Rudolf Schenker und Co. (sogar mit Gastmusiker Uli Jon Roth im Gepäck) dann ankamen, gab’s erst mal kein Halten mehr, jedoch blieb es dabei, dass man sich in Reih und Glied für sein Autogramm anstellte. Als ein Freund und ich dann an der Reihe waren, beschlossen wir noch ein Erinnerungsfoto mit Klaus Meine zu machen. Bei mir ging alles gut, mein Mitwartender schaffte es allerdings zusammen mit Klaus eine auf dem Tisch stehende Cola-Flasche umzuwerfen und so seinem gerade signierten CD-Booklet einen Wasserschaden zu verpassen. Alles halb so wild, Rudolf Schenker war bereits am Aufwischen.

metall_kolumne_33_bild_02 Kurz darauf stand dann auch schon die Pressekonferenz der Scorpions an, auf der man auf die am Abend anstehende Show eingestimmt wurde. Hier wurde sowohl die Idee, als auch das Konzept der Jubiläums-Show erläutert. Per Internet-Voting konnten die Fans über 50 verschiedene Titel und deren Beliebtheit abstimmen. Die 25 meistgewählten, sollten dann am Abend zum Besten gegeben werden.

Bevor es allerdings so weit war, konnten die Besucher erst mal in den Genuss von Faster Inferno (mit Tyson Schenker - Sohn von Michael Schenker - an der Gitarre), Victory, sowie der Michael Schenker Group kommen – die Hannover-Fraktion mit Anhang also. Die beiden Erstgenannten habe ich leider aufgrund der vorangegangen Ereignisse nicht sehen können, dafür freute ich mich umso mehr auf MSG und großartige Songs, wie (und vor allem) „Armed and ready“, sowie die UFO-Klassiker „Lights out“ und „Doctor Doctor“. Zu erleben war ein routinierter Michael Schenker, der eigentlich nicht weiter auffiel, dafür aber perfekte Gitarrenarbeit ablieferte und fähige Mitmusiker um sich scharte. Aber um ehrlich zu sein: Gegen die Scorpions kann man nun mal nicht so leicht anstinken, auch wenn man der Bruder eines Skorpionen und sogar ex-Mitglied ist - somit freute ich mich eher auf den späteren Abend. metall_kolumne_33_bild_03

 Um 21.45 Uhr ging’s dann los. Mit viel Tam-Tam wurde der Scorpions-Gig eingeläutet und wie aus dem Nichts stand die Band plötzlich auf der Bühne, um die Besucher mit „Coming Home“ zu begrüßen. Auftakt gelungen, würde ich sagen. Mit souveräner Gesangsleistung von Klaus Meine setzte sich das Set fort: „The Zoo“ (ich ging erst mal Crowdsurfen, auch wenn der Weg zum Bühnengraben nicht lang war), „Loving you Sunday Morning“, „Big City Nights“, „Blackout“, „Bad Boys running wild“, „Speedy’s coming“, „In Trance“, „Holiday“, „Still loving you“ - Hit an Hit! Sozusagen vergoldet wurde der Auftritt dann durch die Gastmusiker und ehemaligen Mitglieder Uli Jon Roth (super bei „We'll burn the Sky“), Michael Schenker und Hermann Rarebell. Zeitweise waren so viele Musiker auf der Bühne, dass man nicht mehr wusste, wohin man gucken sollte. Ein etwa in der Mitte des Sets eingeschobenes Drum-Solo von James Kottak bewies dann allen, die noch nicht überzeugt waren, warum die Scorpions eigentlich so groß sind. In völliger Extasse wurde mit den Drum-Sticks alles verhauen, was irgendwie Töne von sich gibt. Dazu gesellte sich dann kurz darauf ex-Mitglied Hermann Rarebell und es wurde zusammen an einem Schlagzeug getrommelt.

Bald darauf folgende Gitarrensolos von Matthias Jabs und Rudolf Schenker unterstrichen noch mal meine These, dass die Scorpions auf den ganz großen Bühnen zu Hause sind. Dass mit dem ersten Abtreten der Band noch nicht Schluss sein konnte, war sofort klar und so dauerte es nicht lange, bis sich auf der Bühne wieder etwas regte. Aus dem Podest, auf dem das Schlagzeug stand, kam ein riesiger Metall-Skorpion hervor, der - begleitet von lautem Donner, der ganz Wacken erzittern ließ - einige Schritte auf die Bühne machte und dann den Showdown mit allen Gastmusikern (nun auch inklusive Schenker-Gitarren-Nachwuchs Tyson) einläutete, währenddessen man sich fragte, wo man eigentlich ist: Im Zirkus oder auf dem größten Heavy Metal-Festival Europas - Rudolf Schenker steht minutenlang im Kopfstand auf der Bühne, während um ihn herum eine große Menge an Musikern lauten Rock spielt. Zum dritten Mal wurde die Behauptung, dass die Scorpions immer noch zu den ganz Großen gehören und auch gehören sollten als gerechtfertigt bewiesen. Der Gassenhauer „Rock you like a Hurricane“ beendete schließlich ein etwa zweieinhalbstündiges Set, das nur dadurch negativ auffiel, dass DER Scorpions-Song schlechthin - nämlich „Wind of Change“ - nicht gespielt wurde, aber die Fans haben’s ja so gewollt, von daher gibt’s absolut nix zu meckern. Was für ein großartiger Donnerstag!

Am Freitag schont sich der arbeitswütige Kolumnist dann auch nicht. Bereits um kurz vor 11 steht er vor der Party Stage und wartet auf die deutschen End of Green, die jedoch bei strahlendem Sonnenschein mit ihrer leicht depressiven Musik nicht so recht überzeugen mögen. Nett, aber nicht überragend. Danach steht zunächst eine Autogrammstunde mit Soilwork an, die anhand der anwesenden Fans bereits den Status der Band verdeutlicht. Geduldig wird geschrieben und die ebenfalls anwesenden Musiker von Wintersun gucken geradezu arbeitslos völlig in die Röhre.

Sofort nach der Autogrammstunde ging’s weiter zur True Metal Stage, die am Abend zuvor von den Scorpions bearbeitet wurde und nun Danko Jones gehört, über dessen Auftreten im diesjährigen Billing ich mich schon von Anfang an gewundert hatte, mich aber gleichzeitig auch sehr freute über diese willkommene Abwechslung. Und als der Exot, als den ich ihn mir auf diesem Festival vorgestellt hatte, trat er dann auch auf. Im schwarzen Hemd, wie gewöhnlich, betritt der Frontmann die Bühne, dazu allerdings an jedem Arm ein riesiges Nietenarmband. Die ebenfalls angelegte Augenklappe, war übrigens verletzungsbedingt. Mit diesem etwas merkwürdigen Kleidungsstil, legt man dann sofort mit einigen Rock ‘n’ Roll-Granaten los, darunter auch viele Songs aus dem neuen Album „Sleep is the Enemy“ (die erste Single „First Date“ fehlte leider). Zwischendurch nahm Danko immer wieder Kontakt zum Publikum auf und erklärte, wie merkwürdig es eigentlich für eine Rock ‘n’ Roll-Band sei, auf der True Metal Stage zu stehen. Dass der Herr sich dann auch noch gehörig über den Metal im Allgemeinen lustig machte, schien niemanden so richtig zu stören. Mit diversen philosophischen Ansätzen, was den Metal-Fan ausmache und Satansanbetung inklusive, machte Danko Jones seine Show zu erstklassiger Unterhaltung. Frei nach dem Motto „Sonnenschein ist kein Heavy Metal“, ermutigte er das zumeist dunkel gekleidete Publikum dazu, um etwas Regen zu bitten. Die Metal-Fans ließen sich von ihm zu allerlei Späßchen treiben, die allesamt auf eigene Kosten gingen. Mr. Jones - I love you!

Während auf der Hauptbühne gerade noch die letzten Töne von Danko Jones verklangen, machte ich mich auf den Weg zur Autogrammstunde selbigen Artisten. Dabei kam mir allerdings erst mal noch eine Horde Blind Guardian-Anhänger „in die Quere“, denn die Band kreuzte zur Autogrammstunde exklusiv in Wacken auf. Am „Meet & Greet“-Stand herrschte der Ausnahmezustand und ich, der eigentlich nur zu Danko Jones wollte, stand mit seinem Wunsch ziemlich allein da. Als Blind Guardian dann verschwanden, fand eine kleine Völkerwanderung statt. Enttäuschte Fans verließen die Reihen und guckten die bald darauf eingetroffenen Danko Jones-Musiker nicht mal mit dem A**** an. Als dann noch ein paar Blind Guardian-Poster in die Menge gereicht wurden, war der Run wieder groß und aufgeregte Fans sprangen über Gitter, nur um ein Promo-Poster zu ergattern - unglaublich! Bei Danko Jones hatte ich somit leichtes Spiel, alle Blind Guardian-Fans verzogen sich und in null Komma nix stand ich vor der Band. Schön.

Danach war erst mal eine kleine Pause angesagt, wobei es dann auch schnell wieder zu Nevermore ging, die ich mir nicht komplett ansah, denn hier galt: Kräfte aufsparen für Soilwork! Die Schweden legten pünktlich um 17.30 Uhr auf der Party Stage los. Die Party Stage entpuppte sich schnell als zu klein für die Band, was dem Auftritt aber kaum schadete, runde Sache eben. Sänger Speed hatte die Fans fest im Griff und war zudem stimmlich mehr als gut drauf, dieser melodische Death Metal war sogar live melodisch, da gibt’s überhaupt gar nix zu nörgeln. Dementsprechend reagierte auch das Publikum und folgte beim finalen „As we speak“ dem Aufruf doch mal kräftig auf und ab zu springen.

Nach diesem schweißtreibenden Auftritt, gab’s erst mal wieder eine kleine Pause, so dass ich von Children of Bodom reichlich wenig mitbekam, da ich ziemlich spät kam und ziemlich früh wieder ging, um abermals vor der Party Stage zu warten, diesmal auf die Japaner D'espairs Ray. Die legten auch bald darauf kräftig los und wussten zu beeindrucken, wobei leider auch hinzuzufügen ist, dass die Stimmung im Publikum völlig im Keller war. Viele sehr egoistische Konzertbesucher, die zu spät kamen, aber trotzdem meinten sie müssten sich bis nach vorne durchdrängeln, Idioten, die nicht bereit waren ihre Freundin mal eben für einen Crowdsurfer loszulassen und dann noch aufgebracht den Crowdsurfer ziemlich unsanft wieder nach hinten zu schmeißen versuchen, Besucher, die sich ins Hemd machen, weil man offenbar durch einen Moshpit bedingt in ihr Territorium eingedrungen ist und viele unschöne Dinge mehr. Selbst bei den härtesten Bands, herrscht keine so unfreundliche und unschöne Atmosphäre. Es hat offenbar wirklich nichts mehr mit der Musik zu tun, wenn ein paar Leute bei einer (Halb-)Ballade einen Moshpit starten - hä?! Woher das kam? Keine Ahnung, es waren an dem Abend vermutlich einfach nur zu viele Deppen unterwegs. Schade, denn das hat den ansonsten großartigen Auftritt von D'espairs Ray ein wenig vermiest.

Nach einem kurzen Abstecher in den Pressebereich, musste ich mit dem Showbeginn von Ministry zunächst feststellen, dass selbst aus großer Entfernung ohne Gehörschutz nicht mal der Musikstil der Band auszumachen war – ein Presslufthammer is nix dagegen! Mit Stöpseln im Ohr und ein wenig aus der Nähe betrachtet, offenbarte sich dann schon ein wenig mehr von der Musik und dem Stil der Band. Insgesamt aber doch ziemlich schrammelig und laut, so dass ich es vorzog, es mir beim Zelt bequem zu machen.

Der Samstag fing sehr entspannt an. Um 13.00 Uhr luden Gamma Ray im Pressezelt zum Frühstück, um dort im gebührenden Rahmen ihre bald erscheinende DVD „Hell yeah!!! The Awesome Foursome (and the Finnish Keyboarder who didn’t want to wear his Donald Duck Costume) - Live in Montreal” vorzustellen. Gezeigt wurden zwei Live-Songs, sowie ein Teil aus den DVD-Extras, der die Band auf Tour zeigt. Das Ganze ist nicht nur sehr lustig anzusehen, sondern auch interessant, da der unwissende Zuschauer einen guten Einblick ins Bandleben bekommt. Die gesehenen Live-Clips konnten ebenfalls durch einen sehr dynamischen und teils auch innovativen Schnitt überzeugen. Schöne Sache und danke für’s Frühstück!

Der „Live-Samstag“ begann dann erst so richtig mit Fear Factory, die zwar immer wieder allenorten gelobt werden, mich live jedoch nicht so recht überzeugen konnten, zu viel Geballer, zu wenig Melodie. „Linchpin“ kommt ja ganz gut, aber ansonsten nicht viel im Gepäck. Für Gamma Ray dagegen schien das Wacken Open Air ein Heimspiel zu sein. Bei schönstem Wetter gab’s den wundervollen Melodic Metal der Hamburger auf die Ohren und alle wurden glücklich gemacht. Mit dem abschließenden „Send me a Sign“ blieben keine Wünsche mehr offen - jederzeit gerne wieder!

Kurz nach Gamma Ray, sollte es dann auf der Black Stage mit Soulfly losgehen - einer meiner Favoriten auf dem diesjährigen W:O:A. Die Herren legten auch mächtig kräftig los und ballerten dem Publikum gleich mit dem zweiten Song - „Prophecy“ - einen Übersong um die Ohren. Das Publikum reagierte begeistert, ebenso wie bei den folgenden Songs, u.a. auch dem Sepultura-Klassiker „Roots, bloody Roots“, mitgrölen war hier Pflicht. In gewisser Weise kann sich Bandchef Max Cavalera jedoch glücklich schätzen, denn in der Regel kam das Soulfly-Material besser an, als die alten Sepultura-Kracher. „Beneath the Remains“ hatte das Publikum scheinbar schon fast vollkommen vergessen, was aber letzen Endes für den von Max eingeschlagenen Weg spricht. Zudem konnte man sich noch über ein tolles Drum-Solo freuen, das nicht nur vom Schlagwerker durchgeführt wurde, sondern vom Rest der Band, durch Trommeln begleitet wurde. Das war mal was! Kurz vor Schluss gab’s dann noch den Hammer „Primitive“, der nochmals begeistert abgefeiert wurde. Da dies der letzte Auftritt der Soulfly-Tour zum Album „Dark Ages“ war, ließ sich die Band nicht lumpen und schmiss allerlei Dinge ins Publikum, die man nun nicht mehr benötigte, u.a. Schuhe vom Drummer.

Eine Pause gab’s nicht, denn gleich nach Soulfly waren Whitesnake auf der True Metal Stage am Drücker. Ich hatte ja nicht allzu viel erwartet und mich auch eher auf andere Bands gefreut, aber die Combo um ex-Deep Purple-Sänger David Coverdale, wusste offenbar (immer noch) ganz genau, wie man Leute begeistert. Gestartet wurde mit dem Deep Purple-Klassiker „Burn“ (mit kurz eingeschobenem „Stormbringer“) und schon gleich danach mit dem Whitesnake-Hit „Fool for your Loving“, meine Güte, was für ein Auftakt. Damit hatte ich dann schon die Befürchtung, dass Herr Coverdale seine Munition bereits zu Anfang verpulvert hatte, aber dem war nicht so. Absolut jeder Song wurde zum Erlebnis, wobei „Here I go again“ natürlich nochmals euphorische Reaktionen hervorrief. Deep Purple täten gut daran sich mal wieder mehr mit David Coverdale zu unterhalten, denn der Mann hat’s mit seinen 55 Jahren wirklich noch drauf!

Nach dieser „Samstag-Gig-Attacke“ war für mich erst mal Schluss. Auf dem Campingplatz noch ein bisschen Motörhead gehört und dann ab ins Zelt.

Alles in allem wieder ein großartiges Wacken mit vielen netten Menschen und großen Bands in Topform. Besondere Highlights waren für mich dieses Jahr Soilwork, Soulfly, Danko Jones und Whitesnake. Allesamt brillant! Die großartigen WE konnte ich mir auf der W.E.T. Stage leider nicht ansehen, da diese zeitgleich mit Soulfly spielten, da muss man dann eben Prioritäten setzen.

Von den Bands abgesehen, gibt’s auch nicht wirklich was zu nörgeln. Hinter den Kulissen lief offenbar wieder alles Hand in Hand, das Wetter entschied sich ab Donnerstagmittag auch dazu mitzuspielen und Schlägereien etc. gab’s mal wieder nicht. Ein schönes und friedliches Festival mit einer tollen Atmosphäre, bei dem einige Gäste sich lediglich über die erhöhten Müllkosten ärgerten.




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