Es ist Montag, 7. August 2006 und ich bin noch dabei das Wacken Open
Air zu verdauen. Vor mir liegt der Running Order und ich versuche zu
rekapitulieren, was ich in den letzten Tagen überhaupt so alles erlebt
habe.

Richtig begonnen hat das diesjährige Wacken Open Air für mich am Donnerstag mit dem Warten auf die
Scorpions
am „Meet & Greet“-Stand. Rechtzeitig zur Öffnung der Wacken’schen
Pforten zum Festivalgelände, geduldete ich mich ab etwa 16.20 Uhr bis
ca. 17:45 Uhr in der Reihe der Wartenden auf das Ankommen der Band. Als
Klaus Meine, Rudolf Schenker und Co. (sogar mit Gastmusiker Uli Jon
Roth im Gepäck) dann ankamen, gab’s erst mal kein Halten mehr, jedoch
blieb es dabei, dass man sich in Reih und Glied für sein Autogramm
anstellte. Als ein Freund und ich dann an der Reihe waren, beschlossen
wir noch ein Erinnerungsfoto mit Klaus Meine zu machen. Bei mir ging
alles gut, mein Mitwartender schaffte es allerdings zusammen mit Klaus
eine auf dem Tisch stehende Cola-Flasche umzuwerfen und so seinem
gerade signierten CD-Booklet einen Wasserschaden zu verpassen. Alles
halb so wild, Rudolf Schenker war bereits am Aufwischen.

Kurz darauf stand dann auch schon die Pressekonferenz der Scorpions an,
auf der man auf die am Abend anstehende Show eingestimmt wurde. Hier
wurde sowohl die Idee, als auch das Konzept der Jubiläums-Show
erläutert. Per Internet-Voting konnten die Fans über 50 verschiedene
Titel und deren Beliebtheit abstimmen. Die 25 meistgewählten, sollten
dann am Abend zum Besten gegeben werden.
Bevor es allerdings so weit war, konnten die Besucher erst mal in den Genuss von
Faster Inferno (mit Tyson Schenker - Sohn von Michael Schenker - an der Gitarre),
Victory, sowie der
Michael Schenker Group
kommen – die Hannover-Fraktion mit Anhang also. Die beiden
Erstgenannten habe ich leider aufgrund der vorangegangen Ereignisse
nicht sehen können, dafür freute ich mich umso mehr auf MSG und
großartige Songs, wie (und vor allem) „Armed and ready“, sowie die
UFO-Klassiker „Lights out“ und „Doctor Doctor“. Zu erleben war ein
routinierter Michael Schenker, der eigentlich nicht weiter auffiel,
dafür aber perfekte Gitarrenarbeit ablieferte und fähige Mitmusiker um
sich scharte. Aber um ehrlich zu sein: Gegen die
Scorpions kann
man nun mal nicht so leicht anstinken, auch wenn man der Bruder eines
Skorpionen und sogar ex-Mitglied ist - somit freute ich mich eher auf
den späteren Abend.
Um 21.45 Uhr ging’s dann los. Mit viel
Tam-Tam wurde der Scorpions-Gig eingeläutet und wie aus dem Nichts
stand die Band plötzlich auf der Bühne, um die Besucher mit „Coming
Home“ zu begrüßen. Auftakt gelungen, würde ich sagen. Mit souveräner
Gesangsleistung von Klaus Meine setzte sich das Set fort: „The Zoo“
(ich ging erst mal Crowdsurfen, auch wenn der Weg zum Bühnengraben
nicht lang war), „Loving you Sunday Morning“, „Big City Nights“,
„Blackout“, „Bad Boys running wild“, „Speedy’s coming“, „In Trance“,
„Holiday“, „Still loving you“ - Hit an Hit! Sozusagen vergoldet wurde
der Auftritt dann durch die Gastmusiker und ehemaligen Mitglieder Uli
Jon Roth (super bei „We'll burn the Sky“), Michael Schenker und Hermann
Rarebell. Zeitweise waren so viele Musiker auf der Bühne, dass man
nicht mehr wusste, wohin man gucken sollte. Ein etwa in der Mitte des
Sets eingeschobenes Drum-Solo von James Kottak bewies dann allen, die
noch nicht überzeugt waren, warum die Scorpions eigentlich so groß
sind. In völliger Extasse wurde mit den Drum-Sticks alles verhauen, was
irgendwie Töne von sich gibt. Dazu gesellte sich dann kurz darauf
ex-Mitglied Hermann Rarebell und es wurde zusammen an einem Schlagzeug
getrommelt.
Bald darauf folgende Gitarrensolos von Matthias
Jabs und Rudolf Schenker unterstrichen noch mal meine These, dass die
Scorpions auf den ganz großen Bühnen zu Hause sind. Dass mit dem ersten
Abtreten der Band noch nicht Schluss sein konnte, war sofort klar und
so dauerte es nicht lange, bis sich auf der Bühne wieder etwas regte.
Aus dem Podest, auf dem das Schlagzeug stand, kam ein riesiger
Metall-Skorpion hervor, der - begleitet von lautem Donner, der ganz
Wacken erzittern ließ - einige Schritte auf die Bühne machte und dann
den Showdown mit allen Gastmusikern (nun auch inklusive
Schenker-Gitarren-Nachwuchs Tyson) einläutete, währenddessen man sich
fragte, wo man eigentlich ist: Im Zirkus oder auf dem größten Heavy
Metal-Festival Europas - Rudolf Schenker steht minutenlang im Kopfstand
auf der Bühne, während um ihn herum eine große Menge an Musikern lauten
Rock spielt. Zum dritten Mal wurde die Behauptung, dass die Scorpions
immer noch zu den ganz Großen gehören und auch gehören sollten als
gerechtfertigt bewiesen. Der Gassenhauer „Rock you like a Hurricane“
beendete schließlich ein etwa zweieinhalbstündiges Set, das nur dadurch
negativ auffiel, dass DER Scorpions-Song schlechthin - nämlich „Wind of
Change“ - nicht gespielt wurde, aber die Fans haben’s ja so gewollt,
von daher gibt’s absolut nix zu meckern. Was für ein großartiger
Donnerstag!
Am Freitag schont sich der arbeitswütige Kolumnist
dann auch nicht. Bereits um kurz vor 11 steht er vor der Party Stage
und wartet auf die deutschen
End of Green, die jedoch bei
strahlendem Sonnenschein mit ihrer leicht depressiven Musik nicht so
recht überzeugen mögen. Nett, aber nicht überragend. Danach steht
zunächst eine Autogrammstunde mit
Soilwork an, die anhand der
anwesenden Fans bereits den Status der Band verdeutlicht. Geduldig wird
geschrieben und die ebenfalls anwesenden Musiker von
Wintersun gucken geradezu arbeitslos völlig in die Röhre.
Sofort nach der Autogrammstunde ging’s weiter zur True Metal Stage, die
am Abend zuvor von den Scorpions bearbeitet wurde und nun
Danko Jones
gehört, über dessen Auftreten im diesjährigen Billing ich mich schon
von Anfang an gewundert hatte, mich aber gleichzeitig auch sehr freute
über diese willkommene Abwechslung. Und als der Exot, als den ich ihn
mir auf diesem Festival vorgestellt hatte, trat er dann auch auf. Im
schwarzen Hemd, wie gewöhnlich, betritt der Frontmann die Bühne, dazu
allerdings an jedem Arm ein riesiges Nietenarmband. Die ebenfalls
angelegte Augenklappe, war übrigens verletzungsbedingt. Mit diesem
etwas merkwürdigen Kleidungsstil, legt man dann sofort mit einigen Rock
‘n’ Roll-Granaten los, darunter auch viele Songs aus dem neuen Album
„Sleep is the Enemy“ (die erste Single „First Date“ fehlte leider).
Zwischendurch nahm Danko immer wieder Kontakt zum Publikum auf und
erklärte, wie merkwürdig es eigentlich für eine Rock ‘n’ Roll-Band sei,
auf der True Metal Stage zu stehen. Dass der Herr sich dann auch noch
gehörig über den Metal im Allgemeinen lustig machte, schien niemanden
so richtig zu stören. Mit diversen philosophischen Ansätzen, was den
Metal-Fan ausmache und Satansanbetung inklusive, machte Danko Jones
seine Show zu erstklassiger Unterhaltung. Frei nach dem Motto
„Sonnenschein ist kein Heavy Metal“, ermutigte er das zumeist dunkel
gekleidete Publikum dazu, um etwas Regen zu bitten. Die Metal-Fans
ließen sich von ihm zu allerlei Späßchen treiben, die allesamt auf
eigene Kosten gingen. Mr. Jones - I love you!
Während auf
der Hauptbühne gerade noch die letzten Töne von Danko Jones verklangen,
machte ich mich auf den Weg zur Autogrammstunde selbigen Artisten.
Dabei kam mir allerdings erst mal noch eine Horde
Blind Guardian-Anhänger
„in die Quere“, denn die Band kreuzte zur Autogrammstunde exklusiv in
Wacken auf. Am „Meet & Greet“-Stand herrschte der Ausnahmezustand
und ich, der eigentlich nur zu
Danko Jones wollte, stand mit
seinem Wunsch ziemlich allein da. Als Blind Guardian dann verschwanden,
fand eine kleine Völkerwanderung statt. Enttäuschte Fans verließen die
Reihen und guckten die bald darauf eingetroffenen Danko Jones-Musiker
nicht mal mit dem A**** an. Als dann noch ein paar Blind
Guardian-Poster in die Menge gereicht wurden, war der Run wieder groß
und aufgeregte Fans sprangen über Gitter, nur um ein Promo-Poster zu
ergattern - unglaublich! Bei Danko Jones hatte ich somit leichtes
Spiel, alle Blind Guardian-Fans verzogen sich und in null Komma nix
stand ich vor der Band. Schön.
Danach war erst mal eine kleine Pause angesagt, wobei es dann auch schnell wieder zu
Nevermore ging, die ich mir nicht komplett ansah, denn hier galt: Kräfte aufsparen für
Soilwork!
Die Schweden legten pünktlich um 17.30 Uhr auf der Party Stage los. Die
Party Stage entpuppte sich schnell als zu klein für die Band, was dem
Auftritt aber kaum schadete, runde Sache eben. Sänger Speed hatte die
Fans fest im Griff und war zudem stimmlich mehr als gut drauf, dieser
melodische Death Metal war sogar live melodisch, da gibt’s überhaupt
gar nix zu nörgeln. Dementsprechend reagierte auch das Publikum und
folgte beim finalen „As we speak“ dem Aufruf doch mal kräftig auf und
ab zu springen.
Nach diesem schweißtreibenden Auftritt, gab’s erst mal wieder eine kleine Pause, so dass ich von
Children of Bodom
reichlich wenig mitbekam, da ich ziemlich spät kam und ziemlich früh
wieder ging, um abermals vor der Party Stage zu warten, diesmal auf die
Japaner
D'espairs Ray. Die legten auch bald darauf kräftig los
und wussten zu beeindrucken, wobei leider auch hinzuzufügen ist, dass
die Stimmung im Publikum völlig im Keller war. Viele sehr egoistische
Konzertbesucher, die zu spät kamen, aber trotzdem meinten sie müssten
sich bis nach vorne durchdrängeln, Idioten, die nicht bereit waren ihre
Freundin mal eben für einen Crowdsurfer loszulassen und dann noch
aufgebracht den Crowdsurfer ziemlich unsanft wieder nach hinten zu
schmeißen versuchen, Besucher, die sich ins Hemd machen, weil man
offenbar durch einen Moshpit bedingt in ihr Territorium eingedrungen
ist und viele unschöne Dinge mehr. Selbst bei den härtesten Bands,
herrscht keine so unfreundliche und unschöne Atmosphäre. Es hat
offenbar wirklich nichts mehr mit der Musik zu tun, wenn ein paar Leute
bei einer (Halb-)Ballade einen Moshpit starten - hä?! Woher das kam?
Keine Ahnung, es waren an dem Abend vermutlich einfach nur zu viele
Deppen unterwegs. Schade, denn das hat den ansonsten großartigen
Auftritt von D'espairs Ray ein wenig vermiest.
Nach einem kurzen Abstecher in den Pressebereich, musste ich mit dem Showbeginn von
Ministry
zunächst feststellen, dass selbst aus großer Entfernung ohne
Gehörschutz nicht mal der Musikstil der Band auszumachen war – ein
Presslufthammer is nix dagegen! Mit Stöpseln im Ohr und ein wenig aus
der Nähe betrachtet, offenbarte sich dann schon ein wenig mehr von der
Musik und dem Stil der Band. Insgesamt aber doch ziemlich schrammelig
und laut, so dass ich es vorzog, es mir beim Zelt bequem zu machen.
Der Samstag fing sehr entspannt an. Um 13.00 Uhr luden
Gamma Ray
im Pressezelt zum Frühstück, um dort im gebührenden Rahmen ihre bald
erscheinende DVD „Hell yeah!!! The Awesome Foursome (and the Finnish
Keyboarder who didn’t want to wear his Donald Duck Costume) - Live in
Montreal” vorzustellen. Gezeigt wurden zwei Live-Songs, sowie ein Teil
aus den DVD-Extras, der die Band auf Tour zeigt. Das Ganze ist nicht
nur sehr lustig anzusehen, sondern auch interessant, da der unwissende
Zuschauer einen guten Einblick ins Bandleben bekommt. Die gesehenen
Live-Clips konnten ebenfalls durch einen sehr dynamischen und teils
auch innovativen Schnitt überzeugen. Schöne Sache und danke für’s
Frühstück!
Der „Live-Samstag“ begann dann erst so richtig mit
Fear Factory,
die zwar immer wieder allenorten gelobt werden, mich live jedoch nicht
so recht überzeugen konnten, zu viel Geballer, zu wenig Melodie.
„Linchpin“ kommt ja ganz gut, aber ansonsten nicht viel im Gepäck. Für
Gamma Ray
dagegen schien das Wacken Open Air ein Heimspiel zu sein. Bei schönstem
Wetter gab’s den wundervollen Melodic Metal der Hamburger auf die Ohren
und alle wurden glücklich gemacht. Mit dem abschließenden „Send me a
Sign“ blieben keine Wünsche mehr offen - jederzeit gerne wieder!
Kurz nach Gamma Ray, sollte es dann auf der Black Stage mit
Soulfly
losgehen - einer meiner Favoriten auf dem diesjährigen W:O:A. Die
Herren legten auch mächtig kräftig los und ballerten dem Publikum
gleich mit dem zweiten Song - „Prophecy“ - einen Übersong um die Ohren.
Das Publikum reagierte begeistert, ebenso wie bei den folgenden Songs,
u.a. auch dem Sepultura-Klassiker „Roots, bloody Roots“, mitgrölen war
hier Pflicht. In gewisser Weise kann sich Bandchef Max Cavalera jedoch
glücklich schätzen, denn in der Regel kam das Soulfly-Material besser
an, als die alten Sepultura-Kracher. „Beneath the Remains“ hatte das
Publikum scheinbar schon fast vollkommen vergessen, was aber letzen
Endes für den von Max eingeschlagenen Weg spricht. Zudem konnte man
sich noch über ein tolles Drum-Solo freuen, das nicht nur vom
Schlagwerker durchgeführt wurde, sondern vom Rest der Band, durch
Trommeln begleitet wurde. Das war mal was! Kurz vor Schluss gab’s dann
noch den Hammer „Primitive“, der nochmals begeistert abgefeiert wurde.
Da dies der letzte Auftritt der Soulfly-Tour zum Album „Dark Ages“ war,
ließ sich die Band nicht lumpen und schmiss allerlei Dinge ins
Publikum, die man nun nicht mehr benötigte, u.a. Schuhe vom Drummer.
Eine Pause gab’s nicht, denn gleich nach Soulfly waren
Whitesnake
auf der True Metal Stage am Drücker. Ich hatte ja nicht allzu viel
erwartet und mich auch eher auf andere Bands gefreut, aber die Combo um
ex-Deep Purple-Sänger David Coverdale, wusste offenbar (immer noch)
ganz genau, wie man Leute begeistert. Gestartet wurde mit dem Deep
Purple-Klassiker „Burn“ (mit kurz eingeschobenem „Stormbringer“) und
schon gleich danach mit dem Whitesnake-Hit „Fool for your Loving“,
meine Güte, was für ein Auftakt. Damit hatte ich dann schon die
Befürchtung, dass Herr Coverdale seine Munition bereits zu Anfang
verpulvert hatte, aber dem war nicht so. Absolut jeder Song wurde zum
Erlebnis, wobei „Here I go again“ natürlich nochmals euphorische
Reaktionen hervorrief. Deep Purple täten gut daran sich mal wieder mehr
mit David Coverdale zu unterhalten, denn der Mann hat’s mit seinen 55
Jahren wirklich noch drauf!
Nach dieser „Samstag-Gig-Attacke“ war für mich erst mal Schluss. Auf dem Campingplatz noch ein bisschen
Motörhead gehört und dann ab ins Zelt.
Alles in allem wieder ein großartiges Wacken mit vielen netten Menschen
und großen Bands in Topform. Besondere Highlights waren für mich dieses
Jahr Soilwork, Soulfly, Danko Jones und Whitesnake. Allesamt brillant!
Die großartigen
WE konnte ich mir auf der W.E.T. Stage leider
nicht ansehen, da diese zeitgleich mit Soulfly spielten, da muss man
dann eben Prioritäten setzen.
Von den Bands abgesehen,
gibt’s auch nicht wirklich was zu nörgeln. Hinter den Kulissen lief
offenbar wieder alles Hand in Hand, das Wetter entschied sich ab
Donnerstagmittag auch dazu mitzuspielen und Schlägereien etc. gab’s mal
wieder nicht. Ein schönes und friedliches Festival mit einer tollen
Atmosphäre, bei dem einige Gäste sich lediglich über die erhöhten
Müllkosten ärgerten.