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Metall macht Musik. Von Tim Eckhorst. Teil 48

Wacken 2007

metall_kolumnen_48_bild_01 Ich rekapituliere: Am Dienstag, 31. Juli 2007 ging’s auf nach Wacken. Wo bei mir am unheimlich düsteren, verregneten und herbstlichen Montag noch überhaupt keine Wacken-Stimmung zu spüren war, machte sich diese am Dienstag langsam breit. Aufgrund heftiger Regenfälle in und um Wacken herum gab es am Montag und Dienstag fast stündlich neue Meldungen: Gelände nicht befahrbar, Autos können nicht beim Zelt parken, Campen erst ab Mittwoch… die wohl schlimmste aller Nachrichten wurde jedoch glücklicherweise nicht unters Volk gebracht, denn wie in der neu eingeführten Festivalzeitung Tage später zu lesen war, waren die Veranstalter kurz davor das Festival abzusagen. Wie erhofft und bestellt wurde dann allerdings doch noch alles perfekt. Dazu beigetragen hatte allerdings nicht nur der Wetterumschwung. Nach den starken Regenfällen (Niederschlag von 350 Litern/m²), war es nötig Boden abzutragen, 5000 m² Vlies zu verlegen, darauf 1500 Tonnen Häckselgut zu verstreuen und das Ganze mit 600 Ballen Stroh abzudecken. Im Bühnenbereich wurde der Boden zusätzlich festgewalzt und mit Schwerlastböden versehen. Am Dienstag regnete es kaum, ein Helicopter, der in 60 cm Höhe die Campingflächen überflog, fungierte als Fön, um das Wasser der nassen Wiesen in die Gräben zu treiben und bereits am Mittwoch herrschten tropische Temperaturen, kein Vergleich mehr zum verregneten und dunklen Montag. Petrus ist definitiv Metal-Fan.

metall_kolumnen_48_bild_02 Zwar hatte man auf dem Campingplatz an so manchen Stellen noch mit Wasser und Sumpflandschaft zu kämpfen, aber wenn erst mal alles steht und das erste Getränk im Körper ist, stoppt das eine Party auch nicht mehr. Und sich ins Hemd machen, ist ohnehin nur was für Leute, die ein Hemd tragen und solche gibt’s in Wacken nicht.

So gab’s dann auch direkt am Dienstagabend allerlei zu entdecken. Zunächst wurde der Platz systematisch nach Heider Autokennzeichen abgesucht, um festzustellen, ob sich eventuell Bekannte auf dem Platz befanden. Das klappte nur bedingt, allerdings ist sowas im Prinzip auch egal, schließlich sind genügend Leute dort. So traf man z.B. einen völlig allein aus Israel angereisten Fan, der - durch diverse Getränke angeheitert - bereits ordentlich feierte und sich durch ein hervorragendes Englisch mit jedem zu verständigen wusste (ob der Weltenmann nun tatsächlich aus Israel kam, vermag ich nicht mehr zu beurteilen). Auch traf man auf Holländer, die ihre Deutschkenntnisse auf die Probe stellten und anhand der Aussprache von „Whiskey“ und „Wodka“ festzumachen versuchten, dass Whiskey das geschmackvollere Getränk ist. Dabei war auch der findige Holle, der sich die Adresse wacken.biz registriert hatte und nun versuchte diese bekannt zu machen, um so möglichst bald auch den Veranstalter des Wacken Open Airs darauf aufmerksam zu machen. Der Preis für diese URL: Lebenslang Backstage-Pässe für die gewieften Camper.

Mittwoch ging’s in ähnlicher Form weiter. Anhand der neuerdings überall auf dem Campingplatz angebrachten Straßennamen versuchten wir, einen Bekannten ausfindig zu machen. Dazu musste die Slayer Street gefunden werden, was in einen mühevollen Akt ausartete. In der Slayer Street angekommen, entpuppte sich selbige als die „Slayer Steet“, was durch einen eigenmächtig mit einem Edding am Pfahl angebrachten Kommentar eines Fans als „Epic Fail“ gekennzeichnet worden war.

Am Donnerstag wurde das Wacken Open Air dann schließlich durch die britischen NWoBHM-Veteranen Blitzkrieg eröffnet. Was Blitzkrieg boten, war (abermals) Old School-Metal der feinsten Sorte, was wohl zur Eröffnung des größten Heavy Metal-Festivals Europas (oder mittlerweile sogar der Welt?) nicht besser gewählt sein konnte. Meine Begeisterung stieg am Schluss beim nach der Band benannten Titeltrack und ultimativen Klassiker „Blitzkrieg“ noch mal auf’s höchste Level, bis dann das Warten auf Rose Tattoo begann. Die Australier liefen gegen 18.15 Uhr in Bestform auf und feuerten eine Rock ‘n’ Roll-Granate nach der anderen ins Publikum, was schließlich in der Mitgrölzeile „Nice Boys don’t play Rock ‘n’ Roll“ mündete. Zwischendurch bekam man immer wieder denkwürdige Ansagen von Sänger Angry Anderson. Dieser hatte sichtlich Spaß mit seinen „Brüdern und Schwestern“ und predigte dabei Liebe und Frieden. Ähnlich positive Worte konnten später bei der Pressekonferenz der Jungs vernommen werden, in der erläutert wurde, wie es die Band geschafft hatte diverse Talfahrten (u.a. der Tod von Pete Wells im vorigen Jahr) zu überwinden. Angrys Hinweis dazu: Es gehe nur ums Weitermachen und das Leben an sich. Ein sehr anregendes Gespräch mit einem Frontmann, der seinem Vornamen heute mal nicht alle Ehre machte. Weiter so, Männer!metall_kolumnen_48_bild_03

Bevor am Donnerstag der Headliner Saxon (immer wieder gerne) auf die Bühne konnte, stand eine Pressekonferenz an, zu der erst mal nur Sänger Biff erschien (verspätet, da er zuvor über zwei Stunden Autogramme geschrieben hatte). Trotz vieler Termine auf dem W:O:A war der Brite bestens gelaunt und zu Scherzen aufgelegt, gerade auch in Bezug auf sein Schuhwerk, das aus Latschen und weißen Tennissocken bestand, was so gar nicht zu dem Rest der Biff’schen Erscheinung passen wollte. Neues aus dem Lager Saxon gab es eher wenig (abgesehen von anstehenden Tourdaten), allerdings gab es interessante Dinge zu erfahren, wie z.B. die Tatsache, dass es sich bei dem neuen Song „Let me feel your Power“ um Biffs Lieblingssong seiner eigenen Band handelt. Zudem wurde angemerkt, dass sich diese Komposition direkt auf Wacken bezieht. Schlussfolgernd war es also Pflicht den Song am Abend live zu präsentieren. Angereichert wurde das - wie erhofft und erwartet – durch einen Haufen Klassiker, wie „And the Bands played on“ und „Princess of the Night“. Letzteres wurde durch eine ausschließlich vom Publikum gesungene und von Biff für den Saxon-Podcast gefilmte Passage noch eine weitere Dimension verliehen. Unheimlich großartig! Das Dilemma fing für mich jedoch mit „Denim and Leather“ so langsam an. Hier handelt es sich selbstverständlich um einen Klassiker, aber in Verbindung mit einem nachfolgenden und extrem in die Länge gezogenen „Crusader“ wird die ganze Chose da schon etwas einschläfernd und plätschert nur noch so vor sich hin, was etwas schade war, da Saxon genügend Songs haben, die nach vorne losgehen und am Ende sicherlich noch mal Bewegung in die Masse gebracht hätten. Beschweren kann und möchte ich mich darüber aber eigentlich gar nicht, denn genügend Gelegenheit zur Bewegung hatte man bereits vor Saxon bei der W.E.T. Stage mit den Rock ‘n’ Rollern von Electric Eel Shock. Diese Band live zu sehen, sollte für jeden (die gesamte Menschheit inbegriffen) eine wahre Freude sein. Nicht nur wurde das Publikum mit feinsten Gitarrenklängen versorgt, nein, es gab auch noch einen Klassiker: „Iron Man“ von Black Sabbath, natürlich in der speziellen Electric Eeel Shock-Version, was so viel bedeutet wie: Intro kurz halten, Rest drei mal schneller, fertig. Mein Gott, wie großartig!

Stimmung wurde aber nicht nur durch die Herren selbst gemacht (darin sind sie übrigens Meister), sondern auch durch einen sich im Superheldenkostüm befindenden Fan/Roadie (?), der mit einem Schlauchboot gewappnet eine Reise durchs bzw. übers Publikum unternahm und dabei einen in Seenot geratenen Crowdsurfer ins Boot holte. Feine Sache, wie hier gerockt wurde, hart und wild, aber friedlich. Eine Sache, an der sich andere Bands/Personen ein Beispiel nehmen sollten, aber dazu später mehr.
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Was es vom Donnerstag sonst noch zu vermelden gibt, ist eine pre-Listening-Session der Band Engel. Engel kommen - anders als der Name vermuten lässt - aus Schweden. Das bald erscheinende Debüt „Absolute Design“ wurde von In Flames-Sänger Anders Fridén produziert und besticht durch modern anmutende Klänge, gemischt mit einer gewissen Aggressivität. Fans von In Flames und Bands ähnlicher Gangart können hier sicher zugreifen, auch wenn ich zeitweise die Melodien vermisst habe. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine junge, aufstrebende Band, die bereits eine Tour durch Groß-Britanien hinter sich hat und den „Demo Contest“ von Rock Hard gewonnen hat. Im Auge behalten, heißt hier die Devise.

Wenige Stunden nach dem Ende des offiziellen Donnerstagprogrammes warf bereits der Wacken-Freitag seine Schatten voraus. Vor der True Metal Stage wartete ich - noch etwas müde im Stroh sitzend - auf Amorphis, eine Band, auf die ich mich in den Morgenstunden sehr gefreut hatte. Als ich jedoch hinter meinem Rücken eine gewisse Wärme vernahm und kurz darauf feststellte, dass das Stroh angefangen hatte zu brennen, entschied ich mich dazu, erst mal nicht sitzen zu bleiben. Die Feuerwehr ließ selbstverständlich nicht lange auf sich warten und von der Bühne aus wurden die Fans in die richtige Richtung dirigiert. Allerdings hörte man immer wieder sorgenvolle Stimmen, die sich laut Gedanken darüber machten, wie man wohl in einem schlimmeren Fall verfahren würde, denn schließlich metall_kolumnen_48_bild_05war der größte Teil des Festivalgeländes mit Stroh ausgelegt. Wie die Antwort auf Fragen dieser Art lautet, weiß ich auch nicht, allerdings würde ich behaupten, dass man darauf vertrauen kann, dass es genügend Sicherheitsvorkehrungen für diesen Fall gibt (wir sind schließlich in Deutschland). Trotz allem war’s zunächst eine nachdenklich stimmende Situation. Aufgrund der starken Rauchentwicklung und vielleicht auch der allgemeinen Verwirrung fielen Amorphis zunächst aus und es wurde etwa 20 Minuten später mit Napalm Death weiter gemacht. Was aus Amorphis wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, die Autogrammstunde fiel jedenfalls auch flach, dafür schossen aber Napalm Death ihre Grindcore-Granaten in den strahlend blauen Himmel.

Im Pressezelt gab es zuvor einen Auftritt der (ehemaligen) DDR-Band Pharao. Die Mannschaft um Jacky Lee Mann wusste, wie man auch vor wenig Publikum vernünftig rockt, und tat dies ordentlich. Hinzuweisen sei an dieser Stelle auch auf die in diesem Rahmen vorgestellte Best of-CD „Anthology 2006 – 1986“ (die Idee mit dem Zahlendreher hatten Camouflage übrigens schon vorher, glaube ich). Stücke wie „Liar“ rocken ganz gut und laden zur körperlichen Betätigung ein. Schöne Melodien gibt es darüber hinaus auch, so z.B. in dem Song „Every Night & Day“ sowie „When it’s over“, wobei der letztgenannte Song schon fast ein wenig in die AOR/Melodic Rock-Richtung geht. Gewöhnungsbedürftig sind jedoch die in Deutsch gesungenen Songs, wie z.B. „Das Feuer der Liebe“, welches noch zu DDR-Zeiten entstand. Musiktechnisch nicht unbedingt meine Baustelle, kulturell gesehen allerdings ein interessanter Zeitzeuge. Hard Rock-Fans, die auch gerne mal Melodie und Gefühl dabei haben, können hier zugreifen.

Bevor’s zu meinem persönlichen Headliner Turbonegro ging, sah ich mir noch Drone an. Eine Band, die mich unweigerlich an Children of Bodom erinnerte, allerdings in der langweiligeren Variante. Gewisse Melodien, die den Auftritt einigermaßen abwechslungsreich machten, waren zwar erkennbar und auch eine unglaubliche Motivation der Musiker war vorhanden, allerdings insgesamt gesehen nicht so mein Fall. Ein leichter Übereifer und der Aufruf zur Wall of Death mit dem Spruch „Wer sich die Nase bricht, hat selber Schuld“, der den Fans mit auf den Weg gegeben wurde, machte die Band nicht gerade besser. Vielleicht bin ich mit 22 Jahren zu alt für so was oder allgemein zu weich gespült, aber ein Aufruf zur Wall of Death mit einem Hinweis auf die Verletzungsgefahr gefällt mir irgendwie weniger. Junge Metal-Fans schlagen sich die Köppe ein und definieren das Pogen durch wildes Um-Sich-Schlagen neu. Hiermit wäre ich an der Stelle angekommen, die eigentlich an die Electric Eeel Shock-Atmosphäre anknüpfen soll bzw. verglichen werden kann. Bei Electric Eeel Shock ging’s ordentlich ab, bei Drone ebenfalls, allerdings leider mit einem eher umetall_kolumnen_48_bild_06nschönen Beigeschmack. Ähnlich wie im letzten Jahr - z.B. bei D’espairs Ray - war auch dieses Jahr eine Tendenz zu einem jüngeren Publikum festzustellen. Eigentlich ein Grund zur Freude, wenn auch nicht in allen Fällen, denn viele dieser jüngeren Herrschaften haben das Prinzip noch nicht ganz verstanden. Ursache für den Besucherzuwachs dieser Art mag sein, dass Metal wieder in Mode zu kommen scheint (ein Skater-Laden in der von mir nächstgelegenen Kleinstadt hat dicht gemacht, der Metal-Laden gegenüber schlägt sich bisher wacker). Zudem trifft man in Wacken auch immer häufiger auf Bands, die modernere Klänge von sich geben (keine Kritik, auch im empfange In Flames und Children of Bodom mit offenen Armen). Die Zahl der auf dem Festival anwesenden Altrocker (eine sehr friedvolle Sorte Mensch), scheint abzunehmen, jüngere Leute rücken nach, starten dann aber leider Aktionen, die mehr an eine Schlägerei, als an einen Moshpit erinnern und scheuen sich auch nicht davor ein Bier aus der Kiste eines nicht anwesenden Campers zu klauen. So weit meine Beobachtungen. Hinzuzufügen ist allerdings noch, und dies sollte unterstrichen werden, dass ich Wacken, trotz meiner Beobachtungen der „neuen Randgruppe“, immer noch als unheimlich friedlich und einzigartig einschätze. Männer und Frauen aus allen Teilen der Welt kommen in Wacken zusammen, um friedlich zu feiern und Spaß zu haben. Wäre die ganze Welt, wie Wacken zur Zeit des Open Airs, würden wir nahezu im Paradies leben (und diese Meinung von Wacken dominiert ganz klar über die erste Beobachtung).

Zurück zum eigentlichen Thema: Vor der Black Stage wartete ich ab etwa 17.00 Uhr eine halbe Stunde auf Turbonegro und lauschte dabei noch den Klängen von Grave Digger auf der True Metal Stage daneben. Die Band fuhr nettes Standardprogramm auf, das mich zwar begeistern könnte, stünde ich denn in der Menge, doch auch nicht umhauen, denn irgendwie hört man einfach irgendwann auf, bei „Excalibur“ die Faust in die Höhe zu recken. Nichtsdestotrotz ist ein Song wie „Rebellion“ natürlich immer wieder ein Kracher. Aber wende ich mich nun lieber Turbonegrometall_kolumnen_48_bild_07 zu, denen ich bereits Wochen vorher euphorisch entgegenfieberte. Begonnen wurde mit dem Opener des neuen Albums „We’re gonna drop the Atom Bomb“, was die Menge schon ganz gut in Bewegung brachte. Fortgesetzt und gesteigert wurde dies dann jedoch noch durch weitere folgende Songs. Sänger Hank klärte das Publikum im Folgenden über depressive Gothics auf. Er selbst wolle das Goth-Dasein aufgeben. „Mein Gott“, schreit der zeitweise sehr gut deutsch sprechende Rock ‘n’ Roller, „I give up Goth!“. Doch dann kam die Eingebung, dass er trotz allem versuchen wolle Gothic-Freunde zu haben. Diese jedoch begannen damit, sich selbst diverse Körperteile aufzuschneiden, und darum - ganz klar - sind „All my Friends are dead“! Die Post geht ab und dies tut sie ebenfalls bei dem Song „Do you, do you dig Destruction“ vom neuen Album „Retox“. Um die Fans nicht im Dunkeln stehen zu lassen, erklärte Hank zunächst, was es mit dem Begriff „Retox“ auf sich hat. Demzufolge scheint „Retox“ ein Vorgang oder eine Gefühlsneigung zu sein, denn wenn ein fünfzehnjähriges Mädchen das erste Mal in Wacken war und nach dem Open Air schwanger zu ihrem ostdeutschen, katholischen und arg konservativen Vater zurückkehrt und dieser fragt „Do you, do you dig Destruction?“, spricht man von „Retox“. Ach so. Weitere Knaller dieser überaus unterhaltsamen Show waren natürlich „Prince of the Rodeo“, „Fuck the World (F.t.W.)“ und „The Age of Pamparius“ (Zugabe). Ein wahnsinnig guter Auftritt mit Bombenstimmung. Ein großes Dankeschön an den Veranstalter, der sich in den letzten Jahren so offen zeigt und auch mal Bands wie Danko Jones oder eben Turbonegro und Electric Eeel Shock auf die Bühne stellt, das bringt frischen Wind in die Sache und rockt auch gewaltig. Weiter so!

Gleich danach ging’s ab zur Autogrammstunde der Band, (ohne Bühnen-Outfit sehen die übrigens aus, wie BWL-Studenten im Streifenpulli) denn ein Foto mit Hank Von Helvete sollte man sich nicht entgehen lassen. Der Auftritt von Blind Guardian geriet dadurch bei mir ein wenig ins Hintertreffen, allerdings habe ich eine ganze Menge gehört und immer noch zufrieden über den großartigen Auftritt auf der selben Bühne im Jahre 2002, war ich nicht unbedingt traurig die Jungs nicht gesehen zu haben, schließlich hätte es gar nicht besser werden können. Ja, ja, ziemlich ignorant von mir… Was mir viel wichtiger war als Blind Guardian, waren Iced Earth, da ich die Band seit dem Einstieg des ehemaligen Winters Bane- und Judas Priest-Sängers Tim „Ripper“ Owens noch viel mehr liebe. Die sympathische Art der Band hatte mich bereits beim „Meet & Greet“ erfreut und so fieberte ich dem Abend entgegen. Begonnen wurde - so wie ich es erwartet hatte - mit „Burning Times“. Eingeläutet von Glockenschlägen stürmte die Band die Bühne und feuerte im weiteren Verlauf der Show Hit um Hit in die Menge. Auffällig dabei war, dass Iced Earth tatsächlich unheimlich viele Hits haben, denn sogar für Knaller wie „Watching over me“, „Angels Holocaust“, „Melancholy (Holy Martyr)“ und das komplette „Horror Show“-Album war kein Platz. Stattdessen gab’s beispielsweise “My own Savior“, „The Hunter“, „Birth of the Wicked“, „Vengeance is mine“ und den neuen Song „Ten thousand strong“, die allesamt gebührend abgefeiert wurden. Bewerkenswert war, dass der von Jon Schaffer himself gesungene Klassiker „Stormrider“ gesangstechnisch stark an Matt Barlow erinnerte. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet, aber Parallelen zur Live-Darbietung des selben Songs auf „Alive in Athens“ waren für mich nicht von der Hand zu weisen. Super Sache, auch wenn für mich Ripper Owens über Barlow und Schaffer steht. Den Grund und Beweis dafür lieferte Tim Owens auch sogleich, denn es wurde ein ganz neuer Song vorgestellt, der sich auf dem kommenden, Anfang September erscheinenden Album „Framing Armageddon… Something Wicked Pt. 1“ befinden wird. Der Titel lautet „A Charge to keep“ und der Refrain spukt mir dieser Tage immer noch im Kopf herum.

Eine interessante Randbemerkung zu Iced Earth hätte ich an dieser Stelle noch zu machen: Bei der Autogrammstunde mit der Band bemerkte Klampfer Dennis Hayes, dass ich ein Booklet des Winters Bane-Albums „Heart of a Killer“ dabei hatte, um es von Tim Owens signieren zu lassen. Bevor dies passierte, erzählte Dennis mir, dass er das Album großartig fände, wobei ich ihm zustimmte und gleichzeitig die Phrase, ob er es kenne, hinterher schob, da Winters Bane nicht unbedingt eine allen Leuten bekannte Band ist. Dennis antwortete mit „Yes, I'm on it.“, was mir nicht bewusst war und mich gleichzeitig überraschte, da das für Iced Earth bedeutet, dass die Band mehr Originalmitglieder von Winters Bane als von Iced Earth selbst hat.

Am Samstag ging’s kurz vor drei unter strahlend blauem Himmel mit Stratovarius los - was für perfektes Wetter für melodischen Metal dieser Art. Losgelegt wurde mit - wie ich abermals richtig erraten hatte – „Hunting high and low“, was wohl erst mal jeden der Anwesenden glücklich machte. Stratovarius boten einen souveränen Auftritt, der zu weiten Teilen von den großen Gesten von Sänger Timo Kotipelto lebte. Die Songauswahl kam jedoch als weiterer positiver Faktor hinzu: „A Million Light Years away“ und vor allem das von mir bereits 2003 und 2005 erhoffte und nicht gespielte „Eagle Heart“ wurde endlich unter diesen perfekten Wetterbedingungen zum Besten gegeben. Ich weiß schon, warum ich diese Band liebe.

Wie man Stimmung macht, wusste auch Drummer Jörg Michael, der während des Spielens im Dauerfeuer Sticks in die Menge warf und sich im Bruchteil einer Sekunde bereits einen neuen nahm, den er zwischendurch auch gerne mal einige Meter in die Höhe warf und problemlos wieder auffing. Die Pointe gab’s dann am Ende, als er einen ganzen Arm voll Sticks in die Menge warf.

Aufgrund der Hitze machte ich mich erst mal auf zum Zelt, um meinem Körper wieder Flüssigkeit zuzuführen und eine Weile rumzuliegen (es war wirklich dringend). Bevor ich jedoch beim Zelt ankam, bekam ich von einer Gruppe Camper einen als Überraschung gemeinten Eimer Wasser über den Kopf, was zu dem Zeitpunkt eine Wohltat war. Begossen wurde das mit Absinth, was hinterher mein Bedürfnis nach ein wenig Ruhe noch verstärkte.

Rage mit Orchester und Destruction mit Gästen und spezieller Show sind mir dadurch ziemlich komplett entgangen. Ein Teil von Dir en Grey und die Autogrammstunde von In Flames dagegen nicht. Während des Wartens auf In Flames am „Meet & Greet“-Stand geriet ich in eine Horde Dir en Grey-Fans, die ein Autogramm ihrer Lieblinge holen wollten. Mit dem Holen war’s allerdings nicht getan, denn das für Wacken’sche Verhältnisse Ungewöhnliche war, dass die - zum großen Teil Damen - Geschenke und Briefe für die Band mitbrachten. Auch wurden Lidschatten und Lippenstift im kleinen Spiegel noch mal kontrolliert, bevor man den Helden entgegentrat. Sogar der Manager der Band war nicht sicher vor Autogrammwünschen dieser stark an Boygroup-Groupies erinnernden Mädels. Etwas verwirrt versuchte ich mich in der Reihe der aufgeregten Mädchen von dem Ganzen zu distanzieren, was in einer Schlange übrigens nicht leicht ist.

Als die frisch durchgestylten und fesch gefönten Dir en Grey dann wieder verschwanden, war das Geschrei erst mal groß, allerdings roch es danach auch nach deutlich weniger Parfum.

Als In Flames schließlich zur Autogrammstunde erschienen, war die Schlange der Fans bereits so lang, dass Fotos mit den Bandmitgliedern nicht mehr gemacht werden durften, weil es zu lange dauern würde. Zudem durfte jeder nur eine Sache signieren lassen. Trotz dieser Tatsache war die Band unheimlich entspannt. Björn Gelotte, seit kurzem mit ohne viele Haare, bemerkte z.B. mein Kyuss-Shirt und fügte dem hinzu, dass ihm Queens of the Stone Age besser gefallen. Anders Fridén zeigte sich sehr erfreut, als ich ihm erzählte, wie großartig ich die Show im letzten Jahr in Hamburg fand.
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Beim späteren Auftritt der Band bedankte sich Anders nochmals für den großen Zuspruch, den die Autogrammstunde fand, und entschuldigte sich gleichzeitig dafür, dass nicht jeder bedient werden konnte, denn sonst hätte es keine Show gegeben. Die gab es aber wahrlich und das in der Hoffnung, dass sie die großartigste in der Geschichte der Band werden würde. Schon nach dem ersten Song „Leeches“ erzählte Anders, dass er, immer wenn er nach dem besten Auftritt seiner Karriere gefragt wird, mit „Wacken 2003“ antwortet, was verständlich ist und sich auch anhand der DVD von der Neuauflage von „Soundtrack to your Escape“ nachvollziehen lässt. Dieses Jahr sollte es allerdings noch besser werden und offenbar wurde es das. Bei „Only for the Weak“ sprangen garantiert noch mal einige hundert Leute mehr und was das Mitgrölen anging, waren die Fans ohnehin unschlagbar. Auch die Powerballade „Come clarity“ dürfte dazu beigetragen haben, dass Wacken 2007 zu einem unvergesslichen Ereignis für die Band wurde. Mit Feuerzeugen und Handys wurde der Himmel erleuchtet, während die Band - nach Vorbild der Scorpions, wie Anders zuvor verriet - ihre Ballade spielte. Ein Auftritt, der fast keine Wünsche offen ließ, außer vielleicht „Touch of red“ im Set. An diesem Abend wurde wieder mal klar, warum auf einigen In Flames-Shirts „Probably the best Band in the World“ steht.

Mit In Flames ging für mich auch der musikalische Teil von Wacken zu Ende. Größere Partys fanden auch auf dem Zeltplatz nicht so richtig statt, viele Gäste reisten bereits Samstagnacht ab und so klang der Abend eher ruhig und nett mit einer Reihe Camperbekanntschaften aus (für einige auch mit Abrissparty in Form der Zerstörung eigener Utensilien wie Pavillons, Campingstühle, Zelte, Bierkästen etc.).

Das 18. Wacken Open Air mit gut 60.000 zahlenden Besuchern und einigen tausend weiteren Gästen und Helfern (Presse, Bürger, Sicherheitskräfte etc.), hatte einen schweren Start, wurde am Ende jedoch zu einer wahren Freude für alle Beteiligten. Gäste konnten sich drei Tage an großartigen Bands und guter Organisation erfreuen und die Wackener Bürger am Treiben an sich. Die friedliche Atmosphäre wurde abermals von Presse und Polizei positiv hervorgehoben und die Vorfreude auf 2008 dürfte spätestens nach der Bekanntgabe des ersten Headliners - Iron Maiden - ins Unermessliche steigen.


Vielen Dank an Tina Eckhorst für die Fotos!

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