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Metall macht Musik. Von Tim Eckhorst. Teil 58

Wacken 2008

Wer ein Ticket für das bereits Monate vorher ausverkaufte Wacken Open Air 2008 besaß konnte sich schon mal glücklich schätzen. Und wer als Norddeutscher nach tagelangem - wenn nicht sogar wochenlangem - Dauerregen feststellen durfte, dass sich das Wetter in der Woche vor dem Festival deutlich besserte, war nochmals eingeladen einen Luftsprung zu machen. Am Dienstag der Festivalwoche also bei strahlendem Sonnenschein und brütender Hitze angereist, alles aufgebaut und den Tag genossen, "freu' dich, du bist in Wacken", wie ein bekanntes Schild im Ort sagt. Der kräftige Schauer in der Nacht war dann nur halb so wild, schließlich ging es gleich am Mittwoch mit tropischen Temperaturen weiter. Ein Eis und ein kühles Getränk von Edeka waren da eine Wohltat. Begonnen hatte die Dauerparty zwar schon lange, in musikalischer Hinsicht wurde sie dann jedoch am Mittwochabend auf der W.E.T. Stage mit der Forum Band, der Metallica-Coverband Metakilla, Sweet Savage, Mambo Kurt, der Karaoke-Band Rokken und selbstverständlich den kultverdächtigen W:O:A Firefighters, der Wackener Feuerwehrkapelle eingeläutet. Zur Einstimmung selbstverständlich alles sehr schön, aber es machte sicherlich niemand einen Hehl daraus, dass er es kaum erwarten konnte durch die geöffneten Pforten zu den Hauptbühnen laufen zu können. Bis dahin hatte man am Donnerstag aber noch ein wenig Zeit und musste in etwa das Gefühl ertragen, als wenn man an Weihnachten auf die Bescherung wartet. Begrüßt durch Harry Metal, bekam das Publikum gegen 16.00 Uhr als Opener Girlschool auf die Ohren. Die zwar schon etwas gealterten Damen verstehen es offenbar immer noch ein großes Publikum zu unterhalten, auch wenn sich dieses zu Teilen aus einer Horde Jungespunde zusammensetzt. Parallel dazu spielten auf der Party Stage die Skandinavier von Mustasch, die mich persönlich mehr interessierten. Voller Freude wurde auf dreckigste Weise gerockt und gerollt. Kaum anders taten es danach Nashville Pussy. Zu eher ungewöhnlichen Klängen kam es dagegen auf der Black Stage, wo Lauren Harris, Tochter von Iron Maiden-Basser Steve Harris schon mal auf den Abend einstimmen sollte. Gesehen hab' ich's zwar nicht, aber auf dem Zeltplatz klang's schon arg poppig, wenn da man nicht Papa Steve nachgeholfen hat die Tochter auf die Bühne zu hieven. Wo wir schon fast beim Thema sind: Das ganz große Highlight - Iron Maiden - stand natürlich auch dick markiert auf meinem Programmzettel. Früh kommen hieß hier die Devise und so harrte ich ca. drei Stunden vor der True Metal Stage aus, wobei die Wartenden dabei auf der danebenliegenden Black Stage Airbourne genießen konnten. Zwar bieten die Australier meiner Auffassung nach kaum was Neues, dafür wird aber das, was den Zuhörern um die Ohren gehauen wird, wunderbar verpackt. AC/DC lassen grüßen, sind aber unter Umständen nicht mehr derart agil wie Airbourne. In eine ganz andere Kerbe schlugen danach Avenged Sevenfold, die Iron Maiden während ihrer Tour als Vorband begleiteten. Im Publikum war sowohl Ablehnung, als auch Begeisterung über das Kommen der Kalifornier zu spüren. Deutlich wurde aber auf jeden Fall, dass die Band sich auf einem Festival befand, das augenscheinlich nicht für sie gemacht wurde. Werten möchte ich das nicht, denn grundsätzlich freue ich mich, dass das Feld etwas weiter wird, aber musikalisch überzeugen konnte mich die Truppe nicht. Optisch ging das Ganze übrigens auch schon stark in die Emo-Richtung, was in Wacken ja doch eher ungewöhnlich ist. Aber wie gesagt, böse Worte gibt's von mir nicht, denn ich gucke mir lieber mal irgendwas Neues an, als ständig und immer wieder die gleichen Bands, die im zweijährigen Rhythmus dort aufkreuzen. Dennoch: Die Freude über die letzten Töne von Avenged Sevenfold waren nicht unbedingt klein, denn schließlich wartete man auf Iron Maiden, eine der größten Heavy Metal-Bands dieses Planeten. Der Umbau ging relativ schnell vonstatten, also Einstimmung UFOs "Doctor Doctor", dann noch ein kurzes Videointro, schnell noch Churchills Ansage und schon ging's mit "Aces High" los. Was sich vor Beginn schon abzeichnete, wurde nun überdeutlich. In den ersten 30 Reihen wurde es verdammt ungemütlich und man fragte sich schon, ob es überhaupt Bands geben sollte, die so groß sind, dass Leute derart am Teller drehen. Von der Musik war kaum etwas mitzubekommen. Vielmehr musste man sich darum bemühen zumindest im 45°-Winkel zum Boden stehen bleiben zu können. Alles was es gab war ein großes Gedränge, kein Vorwärts, kein Rückwärts, wer da raus wollte musste sich schon was Gutes einfallen lassen. Leider wurde die Situation bei den nachfolgenden Songs kaum entspannter. Immer noch kam es vor, dass Leute zu Boden gingen oder in Panik versuchten die Menge in irgendeine Richtung zu verlassen. Ich hatte Iron Maiden schon mal vor einigen Jahren gesehen und entschied mich darum ein paar Reihen weiter hinten meinen Spaß zu haben. Der war dort auch durchaus zu finden, mit mehr Rücksicht seitens der Konzertbesucher konnte man nun auch mal zur Bühne aufblicken und zu dem ein oder anderen Song die Hände in die Höhe strecken, möglicherweise sogar mitklatschen.

Was die Show angelangt gibt es wohl kaum etwas zu sagen, denn es ist in Metaller-Kreisen ja bekannt, dass Iron Maiden live alles wegfegen. Die Setlist sprach auch für sich. Da man sich auf der "Somewhere back in Time"-Tour befand, wurden vornehmlich Stücke der Alben "Powerslave, Somewhere in Time" und "Seventh Son of a seventh Son" gespielt. Alles super Alben und wenn man dazu dann noch Klassiker wie "Fear of the Dark", "Hallowed be thy Name" sowie das obligatorische "Iron Maiden" bekommt, kann eigentlich keiner meckern. Hätte ich die Setlist zusammenstellen dürfen, wären zwar einige Songs geflogen und zu Gunsten neuerer Stücke wie "The Wicker Man" ersetzt worden, aber wie gesagt, im Großen und Ganzen gibt's da eigentlich gar nix zu Rütteln. Nach zwei Stunden war dann Schluss und die Massen bewegten sich langsam und gesittet Richtung Ausgang.

Die erste Band, die ich am Freitag zumindest ansatzweise miterlebte war Job for a Cowboy. Hier mutete das ganze Unterfangen abermals sehr modern an. Ein paar Melodien wären nett gewesen, aber die gibt's ja dafür bei Kamelot. Das heißt EIGENTLICH gibt es sie. Offenbar nicht in bester Verfassung tauchten die Jungs und die Dame auf und stolperten durch ein Set, das durchaus tolle Songs enthielt. Wäre da nicht die schon fast erschreckend holprige "Gesangsleistung" von Roy Khan gewesen, hätte es vielleicht noch gut enden können, aber leider kamen Songs wie "Karma" und "Forever" einfach nicht wirklich rüber. Schuld daran mag auch der Sound gewesen sein, denn was ich hörte war vornehmlich das Schlagzeug, Gesang konnte man teilweise nur erahnen und wenn man ihn denn tatsächlich hörte, musste man leider feststellen, dass der gequälte Gesichtsausdruck des Sängers - der unheimlich oft auf dem Boden kniete - möglicherweise keine Showeinlage war. Schade drum. Aber es gibt ja Sonata Arctica und die lieferten nach einem grandiosen Soilwork-Auftritt genau das, was Kamelot zu Hause vergessen hatten: Schöner Gesang und melodischer Metal der feinen Sorte. Beide Daumen hoch, die Show hat gefesselt, so dass ich es kaum über's Herz bringen konnte kurz bei Autumn reinzuschauen. Da ich auf die Band aber sehr neugierig war, riskierte ich nach Sonata Arcticas "Full Moon" einen kurzen Blick auf die W.E.T. Stage und hörte mir den Titelsong des neuen Albums "My new Time" an. Tolle Band, super Sängerin, trotzdem zog es mich schnell wieder zur True Metal Stage, wo ich den Rest von Sonata Arctica verfolgte und mich dann zum Zelt begab. Eigentlich hatte ich geplant mir Opeth bei schönem Wetter im Gras sitzend anzusehen, aber zum einen schien die Sonne gerade nicht mehr so kräftig und zum anderen brauchte ich Essen. Daher hörte ich mir das großartige Stück "The Drapery falls" nur vom Zelt aus an. Children of Bodom waren danach allerdings wieder Pflichtprogramm. Eine Riesenmenge Crowdsurfer düsten über die Menge und die Kinder vom berüchtigten finnischen See gaben Gas ohne Rücksicht auf Verluste. Bäng!

Aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände, bei denen auch Alkohol im Spiel war, verpasste ich Avantasia komplett, was ärgerlich ist, aber in der Zeit bis Gorgoroth hatte ich durchaus meinen Spaß. Morgens um halb sieben dann eine ordentliche Dusche, schlafen bis zum frühen Nachmittag und schon ist man wieder fit, um in den Genuss weiterer toller Bands zu kommen. Bevor es aber vor die Hauptbühnen ging, gab es im Pressezelt noch eine kleine Show der A capella-Metaller von Van Canto. Diese hatten am Abend vorher die W.E.T. Stage beackert und boten den interessierten Zuschauern nun noch mal eine Auswahl einiger Eigenkompositionen sowie toller Coversongs. Wer hätte gedacht, dass Manowars "Kings of Metal" und Iron Maidens "Fear of the Dark" sich derart gut als A capella-Songs machen? Nach dem Hit "The Mission" hätte ich es fast vermutet, aber dass mich die Darbietung derart begeistern könnte, hätte ich - um ehrlich zu sein - nicht vermutet. Frontmann Sly bot alles, was man von einem Frontmann erwartet: Große Gesten, Publikumsanimation und eben großartigen Gesang. Selbstverständlich gilt meine Begeisterung auch dem Rest der Band, unglaublich was man mit einem Schlagzeug und fünf Sängern machen kann!

Mit "normaler" Musik machten bald darauf Powerwolf weiter. In Sachen Bühnendeko etwas ausgefallen und auch der Wind von vorne ließ die wehenden Haare auf Dauer etwas eigenartig wirken, aber über zu viele Showeffekte möchte ich mich nicht beschweren. Tolle Musik, auch wenn ich mit der Band so gut wie gar nicht vertraut bin.

Um einige Minuten überlappten sich die Herren dann mit Killswitch Engage. Erstaunlicherweise wird mir erst jetzt beim Schreiben so richtig bewusst wie viele moderne Bands, mit denen ich sonst nie in Wacken gerechnet hätte, eigentlich da waren. Killswitch Engage gehören definitiv dazu, doch dass die Amerikaner old-schoolige Wurzeln haben, bewiesen sie am Ende: Ein Cover des Dio-Klassikers "Holy Diver". Gar nicht mal übel. Eigene Stücke wie "Rose of Sharyn" gefielen mir auch sehr und luden das Publikum zur Wall of Death ein, eine Sache, die übrigens bei jeder Band mittlerweile zum guten Ton zu gehören scheint. Zwischendurch verschwand ich noch kurz zur The Bones-Autogrammstunde, wo einem alles andere als eine übertrieben lässig und gleichgültig wirkende Rock n' Roll-Attitüde entgegengebracht wurde. Hier wurde wieder mal klar, dass die harte Musik nur Fassade ist, denn hinter The Bones verstecken sich vier unheimlich freundliche, teilweise schon fast zurückhaltend wirkende Typen, die jeder Schwiegermutter nur Freude bereiten würden. Ebenso sah es bei der folgenden Autogrammstunde von Axxis aus. Ein Haufen netter Leute in bester Laune.

Bald darauf hauten die Japaner Girugämesh auf der Party Stage ordentlich in die Saiten. Schön anzuhören, jedoch mit einer gewissen Ähnlichkeit zu anderen Bands des Visual Kei. Wie jeden Tag wurde es dann irgendwann mal wieder Zeit etwas Nahrung zu sich zu nehmen. So saß ich also Cornflakes-essend beim Zelt und hörte mir Nightwish an. Während ich noch vor einigen Jahren nahezu das gesamte Schaffen dieser Band verabscheute, musste ich nun vor allem durch Neuzugang Anette Olzon feststellen, dass es auch weniger opernhaft und damit für mich erträglicher geht. Allen voran "Amaranth" habe ich nun ein wenig mehr Gefallen an dem ganzen Unterfangen gefunden. Deutlich wurde allerdings beim Wacken-Gig, dass die Stimme von Anette Olzon für die alten Stücke einfach zu dünn ist. "Wishmaster" ist kein Song, den ich sonderlich mag, aber wenn, dann sollte die kräftige Turunen-Stimme schon dabei sein. Nightwish sind sehr poppig und "Amaranth" ist mittlerweile einer meiner Lieblingspopsongs. Äh, ich wechsel mal das Thema, bin ja nicht vom Fach und die nächste Band ist für mich ohnehin leichter zu fassen: Lordi! Große Freude, die Grand Prix-Helden sind dabei und feuern alles ins Publikum, was mitgröhltauglich ist (und das sind die meisten Lordi-Songs). "Devil is a Loser", "Get heavy", "Blood red Sandman", "Would you love a Monsterman", "They only come out at Night" (inkl. Udo Dirkschneider) und natürlich das finale "Hard Rock Halleluja". Spaß ist auch bei der Bühnenshow immer garantiert. Äxte, Flügel, Pyros und alles was Aufsehen erregt war wieder dabei. Nach Lordi dann noch schnell zu The Bones geeilt, um eventuell noch den Schlusspfiff mitzubekommen und dann war's das auch schon mit dem musikalischen Teil. In mehr oder weniger ruhiger Atmosphäre wurde dann der Abend mit ein wenig Regen verlebt. Am nächsten Morgen schien die Sonne wieder ohne Ende, so dass es ans Abbauen gehen konnte. Die Pfandsammler waren bereits unterwegs. Übrigens wurde nicht nur fleißig Pfand gesammelt. Auch Zelte wurden abgebaut und Campingstühle davon getragen. Das Angebot in Wacken ist reichhaltig.

Bandtechnisch bot das 19. Wacken Open Air für jeden etwas. Mit Freude beobachte ich, dass immer mehr Bands nach Wacken vordringen, die man dort sonst nicht erwartet hätte. Das betrifft zum einen die Größe der Bands (siehe Iron Maiden), als auch den Stil (siehe z.B. The Bones und Killswitch Engage). So geht der Schwung nicht verloren und der schon mal angesprochene zweijährige Rhythmus einiger auftretender Bands wird ein wenig unterbrochen.

Weiterhin ist positiv hervor zu heben, dass es durch das im Vorfeld erarbeitete Verkehrkonzept zu keinen Staus kam. Neben der Tatsache, dass man sich um den Reisekomfort aller sorgte, wurde in diesem Jahr auch besonders an Behinderte gedacht. Campingplatz B hatte einen speziellen Behindertenbereich und auf dem Festivalgelände gab es erstmals im mittleren Teil ein Podest für die körperlich Benachteiligten. So war gute Sicht für jeden garantiert.

Schön ist auch zu hören, dass der Veranstalter immer wieder angibt, dass das Festival nicht größer werden solle. Dass genau das nicht das Gelbe vom Ei wäre, konnte man in diesem Jahr u.a. bei Iron Maiden feststellen. So bleibt zu hoffen, dass es bei diesem Statement bleibt und aus dem größten Heavy Metal-Festival der Welt nicht das noch größere Heavy Metal-Festival der Welt wird.

Rock on!

Der dunkle Himmel ist für das Festivalwetter nicht repräsentativ


Mobile Litfaßsäule


Die Massen warten auf Iron Maiden


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