Wacken 2008
Wer ein Ticket
für das bereits Monate vorher ausverkaufte Wacken Open Air 2008 besaß
konnte sich schon mal glücklich schätzen. Und wer als Norddeutscher
nach tagelangem - wenn nicht sogar wochenlangem - Dauerregen
feststellen durfte, dass sich das Wetter in der Woche vor dem Festival
deutlich besserte, war nochmals eingeladen einen Luftsprung zu machen.
Am Dienstag der Festivalwoche also bei strahlendem Sonnenschein und
brütender Hitze angereist, alles aufgebaut und den Tag genossen, "freu'
dich, du bist in Wacken", wie ein bekanntes Schild im Ort sagt. Der
kräftige Schauer in der Nacht war dann nur halb so wild, schließlich
ging es gleich am Mittwoch mit tropischen Temperaturen weiter. Ein Eis
und ein kühles Getränk von Edeka waren da eine Wohltat. Begonnen hatte
die Dauerparty zwar schon lange, in musikalischer Hinsicht wurde sie
dann jedoch am Mittwochabend auf der W.E.T. Stage mit der Forum Band, der Metallica-Coverband Metakilla, Sweet Savage, Mambo Kurt, der Karaoke-Band Rokken und selbstverständlich den kultverdächtigen W:O:A Firefighters,
der Wackener Feuerwehrkapelle eingeläutet. Zur Einstimmung
selbstverständlich alles sehr schön, aber es machte sicherlich niemand
einen Hehl daraus, dass er es kaum erwarten konnte durch die geöffneten
Pforten zu den Hauptbühnen laufen zu können. Bis dahin hatte man am
Donnerstag aber noch ein wenig Zeit und musste in etwa das Gefühl
ertragen, als wenn man an Weihnachten auf die Bescherung wartet.
Begrüßt durch Harry Metal, bekam das Publikum gegen 16.00 Uhr als
Opener Girlschool auf die Ohren. Die zwar schon etwas
gealterten Damen verstehen es offenbar immer noch ein großes Publikum
zu unterhalten, auch wenn sich dieses zu Teilen aus einer Horde
Jungespunde zusammensetzt. Parallel dazu spielten auf der Party Stage
die Skandinavier von Mustasch, die mich persönlich mehr
interessierten. Voller Freude wurde auf dreckigste Weise gerockt und
gerollt. Kaum anders taten es danach Nashville Pussy. Zu eher ungewöhnlichen Klängen kam es dagegen auf der Black Stage, wo Lauren Harris,
Tochter von Iron Maiden-Basser Steve Harris schon mal auf den Abend
einstimmen sollte. Gesehen hab' ich's zwar nicht, aber auf dem
Zeltplatz klang's schon arg poppig, wenn da man nicht Papa Steve
nachgeholfen hat die Tochter auf die Bühne zu hieven. Wo wir schon fast
beim Thema sind: Das ganz große Highlight - Iron Maiden - stand
natürlich auch dick markiert auf meinem Programmzettel. Früh kommen
hieß hier die Devise und so harrte ich ca. drei Stunden vor der True
Metal Stage aus, wobei die Wartenden dabei auf der danebenliegenden
Black Stage Airbourne genießen konnten. Zwar bieten die
Australier meiner Auffassung nach kaum was Neues, dafür wird aber das,
was den Zuhörern um die Ohren gehauen wird, wunderbar verpackt. AC/DC
lassen grüßen, sind aber unter Umständen nicht mehr derart agil wie
Airbourne. In eine ganz andere Kerbe schlugen danach Avenged Sevenfold,
die Iron Maiden während ihrer Tour als Vorband begleiteten. Im Publikum
war sowohl Ablehnung, als auch Begeisterung über das Kommen der
Kalifornier zu spüren. Deutlich wurde aber auf jeden Fall, dass die
Band sich auf einem Festival befand, das augenscheinlich nicht für sie
gemacht wurde. Werten möchte ich das nicht, denn grundsätzlich freue
ich mich, dass das Feld etwas weiter wird, aber musikalisch überzeugen
konnte mich die Truppe nicht. Optisch ging das Ganze übrigens auch
schon stark in die Emo-Richtung, was in Wacken ja doch eher
ungewöhnlich ist. Aber wie gesagt, böse Worte gibt's von mir nicht,
denn ich gucke mir lieber mal irgendwas Neues an, als ständig und immer
wieder die gleichen Bands, die im zweijährigen Rhythmus dort
aufkreuzen. Dennoch: Die Freude über die letzten Töne von Avenged
Sevenfold waren nicht unbedingt klein, denn schließlich wartete man auf
Iron Maiden, eine der größten Heavy Metal-Bands dieses Planeten. Der
Umbau ging relativ schnell vonstatten, also Einstimmung UFOs "Doctor
Doctor", dann noch ein kurzes Videointro, schnell noch Churchills
Ansage und schon ging's mit "Aces High" los. Was sich vor Beginn schon
abzeichnete, wurde nun überdeutlich. In den ersten 30 Reihen wurde es
verdammt ungemütlich und man fragte sich schon, ob es überhaupt Bands
geben sollte, die so groß sind, dass Leute derart am Teller drehen. Von
der Musik war kaum etwas mitzubekommen. Vielmehr musste man sich darum
bemühen zumindest im 45°-Winkel zum Boden stehen bleiben zu können.
Alles was es gab war ein großes Gedränge, kein Vorwärts, kein
Rückwärts, wer da raus wollte musste sich schon was Gutes einfallen
lassen. Leider wurde die Situation bei den nachfolgenden Songs kaum
entspannter. Immer noch kam es vor, dass Leute zu Boden gingen oder in
Panik versuchten die Menge in irgendeine Richtung zu verlassen. Ich
hatte Iron Maiden schon mal vor einigen Jahren gesehen und entschied
mich darum ein paar Reihen weiter hinten meinen Spaß zu haben. Der war
dort auch durchaus zu finden, mit mehr Rücksicht seitens der
Konzertbesucher konnte man nun auch mal zur Bühne aufblicken und zu dem
ein oder anderen Song die Hände in die Höhe strecken, möglicherweise
sogar mitklatschen.
Was die Show angelangt gibt es wohl kaum
etwas zu sagen, denn es ist in Metaller-Kreisen ja bekannt, dass Iron
Maiden live alles wegfegen. Die Setlist sprach auch für sich. Da man
sich auf der "Somewhere back in Time"-Tour befand, wurden vornehmlich
Stücke der Alben "Powerslave, Somewhere in Time" und "Seventh Son of a
seventh Son" gespielt. Alles super Alben und wenn man dazu dann noch
Klassiker wie "Fear of the Dark", "Hallowed be thy Name" sowie das
obligatorische "Iron Maiden" bekommt, kann eigentlich keiner meckern.
Hätte ich die Setlist zusammenstellen dürfen, wären zwar einige Songs
geflogen und zu Gunsten neuerer Stücke wie "The Wicker Man" ersetzt
worden, aber wie gesagt, im Großen und Ganzen gibt's da eigentlich gar
nix zu Rütteln. Nach zwei Stunden war dann Schluss und die Massen
bewegten sich langsam und gesittet Richtung Ausgang.
Die erste Band, die ich am Freitag zumindest ansatzweise miterlebte war Job for a Cowboy. Hier mutete das ganze Unterfangen abermals sehr modern an. Ein paar Melodien wären nett gewesen, aber die gibt's ja dafür bei Kamelot.
Das heißt EIGENTLICH gibt es sie. Offenbar nicht in bester Verfassung
tauchten die Jungs und die Dame auf und stolperten durch ein Set, das
durchaus tolle Songs enthielt. Wäre da nicht die schon fast
erschreckend holprige "Gesangsleistung" von Roy Khan gewesen, hätte es
vielleicht noch gut enden können, aber leider kamen Songs wie "Karma"
und "Forever" einfach nicht wirklich rüber. Schuld daran mag auch der
Sound gewesen sein, denn was ich hörte war vornehmlich das Schlagzeug,
Gesang konnte man teilweise nur erahnen und wenn man ihn denn
tatsächlich hörte, musste man leider feststellen, dass der gequälte
Gesichtsausdruck des Sängers - der unheimlich oft auf dem Boden kniete
- möglicherweise keine Showeinlage war. Schade drum. Aber es gibt ja Sonata Arctica und die lieferten nach einem grandiosen Soilwork-Auftritt
genau das, was Kamelot zu Hause vergessen hatten: Schöner Gesang und
melodischer Metal der feinen Sorte. Beide Daumen hoch, die Show hat
gefesselt, so dass ich es kaum über's Herz bringen konnte kurz bei Autumn
reinzuschauen. Da ich auf die Band aber sehr neugierig war, riskierte
ich nach Sonata Arcticas "Full Moon" einen kurzen Blick auf die W.E.T.
Stage und hörte mir den Titelsong des neuen Albums "My new Time" an.
Tolle Band, super Sängerin, trotzdem zog es mich schnell wieder zur
True Metal Stage, wo ich den Rest von Sonata Arctica verfolgte und mich
dann zum Zelt begab. Eigentlich hatte ich geplant mir Opeth bei
schönem Wetter im Gras sitzend anzusehen, aber zum einen schien die
Sonne gerade nicht mehr so kräftig und zum anderen brauchte ich Essen.
Daher hörte ich mir das großartige Stück "The Drapery falls" nur vom
Zelt aus an. Children of Bodom waren danach allerdings wieder
Pflichtprogramm. Eine Riesenmenge Crowdsurfer düsten über die Menge und
die Kinder vom berüchtigten finnischen See gaben Gas ohne Rücksicht auf
Verluste. Bäng!
Aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände, bei denen auch Alkohol im Spiel war, verpasste ich Avantasia komplett, was ärgerlich ist, aber in der Zeit bis Gorgoroth
hatte ich durchaus meinen Spaß. Morgens um halb sieben dann eine
ordentliche Dusche, schlafen bis zum frühen Nachmittag und schon ist
man wieder fit, um in den Genuss weiterer toller Bands zu kommen. Bevor
es aber vor die Hauptbühnen ging, gab es im Pressezelt noch eine kleine
Show der A capella-Metaller von Van Canto. Diese hatten am
Abend vorher die W.E.T. Stage beackert und boten den interessierten
Zuschauern nun noch mal eine Auswahl einiger Eigenkompositionen sowie
toller Coversongs. Wer hätte gedacht, dass Manowars "Kings of Metal"
und Iron Maidens "Fear of the Dark" sich derart gut als A capella-Songs
machen? Nach dem Hit "The Mission" hätte ich es fast vermutet, aber
dass mich die Darbietung derart begeistern könnte, hätte ich - um
ehrlich zu sein - nicht vermutet. Frontmann Sly bot alles, was man von
einem Frontmann erwartet: Große Gesten, Publikumsanimation und eben
großartigen Gesang. Selbstverständlich gilt meine Begeisterung auch dem
Rest der Band, unglaublich was man mit einem Schlagzeug und fünf
Sängern machen kann!
Mit "normaler" Musik machten bald darauf Powerwolf
weiter. In Sachen Bühnendeko etwas ausgefallen und auch der Wind von
vorne ließ die wehenden Haare auf Dauer etwas eigenartig wirken, aber
über zu viele Showeffekte möchte ich mich nicht beschweren. Tolle
Musik, auch wenn ich mit der Band so gut wie gar nicht vertraut bin.
Um einige Minuten überlappten sich die Herren dann mit Killswitch Engage.
Erstaunlicherweise wird mir erst jetzt beim Schreiben so richtig
bewusst wie viele moderne Bands, mit denen ich sonst nie in Wacken
gerechnet hätte, eigentlich da waren. Killswitch Engage gehören
definitiv dazu, doch dass die Amerikaner old-schoolige Wurzeln haben,
bewiesen sie am Ende: Ein Cover des Dio-Klassikers "Holy Diver". Gar
nicht mal übel. Eigene Stücke wie "Rose of Sharyn" gefielen mir auch
sehr und luden das Publikum zur Wall of Death ein, eine Sache, die
übrigens bei jeder Band mittlerweile zum guten Ton zu gehören scheint.
Zwischendurch verschwand ich noch kurz zur The Bones-Autogrammstunde,
wo einem alles andere als eine übertrieben lässig und gleichgültig
wirkende Rock n' Roll-Attitüde entgegengebracht wurde. Hier wurde
wieder mal klar, dass die harte Musik nur Fassade ist, denn hinter The Bones
verstecken sich vier unheimlich freundliche, teilweise schon fast
zurückhaltend wirkende Typen, die jeder Schwiegermutter nur Freude
bereiten würden. Ebenso sah es bei der folgenden Autogrammstunde von Axxis aus. Ein Haufen netter Leute in bester Laune.
Bald darauf hauten die Japaner Girugämesh
auf der Party Stage ordentlich in die Saiten. Schön anzuhören, jedoch
mit einer gewissen Ähnlichkeit zu anderen Bands des Visual Kei. Wie
jeden Tag wurde es dann irgendwann mal wieder Zeit etwas Nahrung zu
sich zu nehmen. So saß ich also Cornflakes-essend beim Zelt und hörte
mir Nightwish an. Während ich noch vor einigen Jahren nahezu
das gesamte Schaffen dieser Band verabscheute, musste ich nun vor allem
durch Neuzugang Anette Olzon feststellen, dass es auch weniger
opernhaft und damit für mich erträglicher geht. Allen voran "Amaranth"
habe ich nun ein wenig mehr Gefallen an dem ganzen Unterfangen
gefunden. Deutlich wurde allerdings beim Wacken-Gig, dass die Stimme
von Anette Olzon für die alten Stücke einfach zu dünn ist. "Wishmaster"
ist kein Song, den ich sonderlich mag, aber wenn, dann sollte die
kräftige Turunen-Stimme schon dabei sein. Nightwish sind sehr poppig
und "Amaranth" ist mittlerweile einer meiner Lieblingspopsongs. Äh, ich
wechsel mal das Thema, bin ja nicht vom Fach und die nächste Band ist
für mich ohnehin leichter zu fassen: Lordi! Große Freude, die
Grand Prix-Helden sind dabei und feuern alles ins Publikum, was
mitgröhltauglich ist (und das sind die meisten Lordi-Songs). "Devil is
a Loser", "Get heavy", "Blood red Sandman", "Would you love a
Monsterman", "They only come out at Night" (inkl. Udo Dirkschneider)
und natürlich das finale "Hard Rock Halleluja". Spaß ist auch bei der
Bühnenshow immer garantiert. Äxte, Flügel, Pyros und alles was Aufsehen
erregt war wieder dabei. Nach Lordi dann noch schnell zu The Bones
geeilt, um eventuell noch den Schlusspfiff mitzubekommen und dann war's
das auch schon mit dem musikalischen Teil. In mehr oder weniger ruhiger
Atmosphäre wurde dann der Abend mit ein wenig Regen verlebt. Am
nächsten Morgen schien die Sonne wieder ohne Ende, so dass es ans
Abbauen gehen konnte. Die Pfandsammler waren bereits unterwegs.
Übrigens wurde nicht nur fleißig Pfand gesammelt. Auch Zelte wurden
abgebaut und Campingstühle davon getragen. Das Angebot in Wacken ist
reichhaltig.
Bandtechnisch bot das 19. Wacken Open Air für
jeden etwas. Mit Freude beobachte ich, dass immer mehr Bands nach
Wacken vordringen, die man dort sonst nicht erwartet hätte. Das
betrifft zum einen die Größe der Bands (siehe Iron Maiden), als auch
den Stil (siehe z.B. The Bones und Killswitch Engage). So geht der
Schwung nicht verloren und der schon mal angesprochene zweijährige
Rhythmus einiger auftretender Bands wird ein wenig unterbrochen.
Weiterhin
ist positiv hervor zu heben, dass es durch das im Vorfeld erarbeitete
Verkehrkonzept zu keinen Staus kam. Neben der Tatsache, dass man sich
um den Reisekomfort aller sorgte, wurde in diesem Jahr auch besonders
an Behinderte gedacht. Campingplatz B hatte einen speziellen
Behindertenbereich und auf dem Festivalgelände gab es erstmals im
mittleren Teil ein Podest für die körperlich Benachteiligten. So war
gute Sicht für jeden garantiert.
Schön ist auch zu hören, dass
der Veranstalter immer wieder angibt, dass das Festival nicht größer
werden solle. Dass genau das nicht das Gelbe vom Ei wäre, konnte man in
diesem Jahr u.a. bei Iron Maiden feststellen. So bleibt zu hoffen, dass
es bei diesem Statement bleibt und aus dem größten Heavy Metal-Festival
der Welt nicht das noch größere Heavy Metal-Festival der Welt wird.
Rock on!
Der dunkle Himmel ist für das Festivalwetter nicht repräsentativ
Mobile Litfaßsäule
Die Massen warten auf Iron Maiden
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