Wacken 2010
Zack, die Bohne! Frei von der Leber weg, verfasse ich genau so unbefangen wie auch gefeiert wurde meinen persönlichen Nachbericht zum Wacken Open Air 2010. Nur für's Protokoll: Stattgefunden hat die ganze Chose vom 5. bis 7. August. Dann mal los!
Für gewöhnlich reist man nach Wacken ein wenig früher an. Gern auch so früh, dass man bei Ankunft auf dem Platz ein blaues Bändchen erhält, das einen als Zufrühkommer brandmarkt. Immerhin erkennt dann aber auch der grummeligste Security-Mann, dass man seine Strafe gezahlt hat. Die Feier kann also sofort losgehen. Das geht übrigens auch ganz hervorragend ohne Bands, obwohl es davon bereits am Mittwochabend welche gab. Im Vergleich zum letzten Jahr, wo die großartigen Bai Bang spielten, diesmal allerdings weniger erwähnenswerte. Springen wir also – um schlüpfrige Details auszulassen – zum Donnerstag.
Gegen Mittag spielen Apocalyptica als Überraschungsgäste auf dem Red Bull Party Bus. Inwieweit die sogenannte Secret Show tatsächlich geheim geblieben ist, weiß ich nicht, fest steht jedoch, dass die Band mit tosendem Applaus empfangen wurde. Wer dann noch mit einem Metallica-Cover seine Show beginnt, kann nichts mehr falsch machen. Besonders schön auch die Eigenkomposition „Bittersweet“. Großartig!
Zwar warf der Abend mit seinen großen Namen schon den ganzen Tag seine Schatten voraus, doch gab es natürlich auch Bands kleineren Kalibers zu sehen. Dabei handelte es sich zum größten Teil um Teilnehmer am Nachwuchswettbewerb „Metal Battle“. Den schwedischen Finalisten Katana war es dabei durch eine vorab gezündete Streubombe von Flyern gelungen einen ganzen Schwung Menschen vor die W.E.T. Stage zu locken. Dem interessierten Musikfreund wurde im Folgenden dann eine 80er Jahre Metal-Show serviert, wie sie im Buche steht. Vor allem „Heart of Tokyo“ entpuppt sich dabei spontan als Oberknaller und sorgt nach entsprechender Aufforderung für eine ganze Menge Publikumsbeteiligung. Sauber!
Auch wenn es immer toll ist kleine Bands mit Feuer unterm Arsch im Zelt auf der W.E.T. Stage zu sehen, freut man sich natürlich auch darauf die Headliner auf der großen Bühne zu erleben. Dazu zählten am Wacken-Donnerstag gleich drei. Alice Cooper startet sein Set mit „School's Out“ und scheut sich nicht Klassiker nach Klassiker rauszuhauen. Dabei wird er nach fast jedem Song per Guillotine, Strick, Giftspritze oder sonstigen Tötungsmethoden aus dem Leben verfrachtet. Die Show ist dabei natürlich äußerst unterhaltsam, stößt aber gelegentlich an ihre Grenzen, wenn es anfängt sehr billig auszusehen. Das ist z.B. der Fall, wenn Alice eine junge, in weiß bekleidete Dame in Form einer Puppe über die Bühne feuert. Wie dem auch sei, der Mann ist gut bei Stimme, bringt den ein oder anderen Klassiker vielleicht etwas zu früh und wiederholt so am Ende noch mal den ersten Song. Und ich hätte vermutet, dass der Sänger langsam müde wäre den Song zu singen, immerhin zwingt ihn niemanden den gleich zwei Mal zu spielen...
Nicht viel später entern Mötley Crüe die Bühne und halten's ähnlich wie Alice Cooper: Klassiker auf Festivals gehen immer. Angenehm fällt bei solider musikalischer Leistung auf, dass es eine fesche Bühnendeko gibt, die nicht ungewollt komisch aussieht, sondern hinreichend schlicht, aber nicht zu schlicht um diverse Pyros zu inszenieren. Tommy Lee trifft diese auf den Punkt und man fragt sich, ob vielleicht er es ist, der sie mit einem Schlag aufs Drumkit abfeuert. Die Crüe bewegt mit ihren Songs nicht die Welt, unterhält das Publikum aber grandios und scheint ausnahmsweise mal nicht auf allerdickste Hose zu machen.
Das worauf die meisten Festivalbesucher gewartet haben, startet dann auch noch vor Sonnenuntergang: Iron Maiden stürmen bei allerbestem Festivalwetter auf die Bühne und starten auch gleich mit „The Wicker Man“. Der sofort nachgelegte „Ghost of the Navigator“ markiert einen furiosen Start. Das Herz lacht und wird auch im Folgenden von einer Setlist erfreut, die sich zu weiten Teilen aus neuerem Material zusammensetzt. Die von mir als eher schwachen Songs beurteilten „These Colours don't Run“ und „The Reincarnation of Benjamin Breeg“ kommen dabei – danke des magischen Gittarenspiels von Dave Murray – wirklich gut rüber. Auch das beim ersten Hören eher langweilige „El Dorado“ weiß Kopf und Bein in Bewegung zu halten. Schlussendlich sind es jedoch Songs wie „Brave new World“, „Wildest Dreams“, „Fear of the Dark“, „Hallowed be thy Name“ und „Running free“, die Begeisterungsstürme auslösen. Scheinbar ohne jemals gealtert zu sein, spielen die Jungs satte zwei Stunden und erscheinen selbst danach nicht völlig erschlagen.
Der Freitag fängt recht gemächlich an. Gemächlich eher im Sinne von Uhrzeit, denn erst gegen 15.30 Uhr schlage ich auf dem Gelände auf, um Voivod zu sehen. Die legen gleich kräftig mit dem Song „Voivod“ los, ballern sich durch ein Set mit „Tribal Convictions“ als weiteren Spaßfaktor und schließen mit dem Pink Floyd-Cover „Astronomy Divine“ als einen der absoluten Festivalhöhepunkte glanzvoll ab. Groovig schleppend und scheppernd bei schönstem Sonnenschein, so soll dat sein! Die auf der W.E.T. Stage folgenden The Other spielen vor gut gefüllten Rängen und haben dabei sichtlich Spaß. Songs wie „Lover's Lane“ und „Beware of Ghouls“ kommen gut an, ebenso wie die toll hergerichteten Outfits.
Nächste Station ist gute zwei Stunden später Lizzy Borden, die nicht nur durch Kostümierung und zwei oftmals fast nackte Frauen überzeugen können, sondern auch Gassenhauer wie „Me agains the World“ und „There will be Blood Tonight“. Dass dabei Attitüde ganz groß geschrieben wird, ist nur passend. Nach Lizzy Borden bleibt noch ein wenig Zeit in Kamelot reinzuhören. Die intonieren gerade „Forever“ und liefern einen super Job ab. Der in extreme Länge gezogene Song sorgt für Gänsehaut und beweist, dass gute, melodische Metal-Songs nicht rosten.
Weil jeder Festivalbesucher auch mal was essen muss, gibt es dann erstmal eine Auszeit, so dass es erst mit Anvil weitergeht, die die True Metal Stage in äußert sympathischer Weise zu Klump rocken. Unbestrittenes Highlight ist dabei natürlich der Klassiker „Metal on Metal“. Oft, aber nicht immer erlebt man derart spielfreudige alte Herren, die dabei so liebevoll ballern, dass man sie einfach gern haben muss, egal ob die Songs nun allesamt grandios sind oder nicht. Wer sich durch die Gitarrensaiten redend bei den Fans bedankt und vorher zum Test den Stecker an die Backe hält, hat auf jeden Fall das Herz am rechten Fleck.
Atrocity beenden den Freitag dann so langsam. Die Band bewegt sich in einer wunderbar gestalteten Bühnendeko, weiß musikalisch jedoch überhaupt nicht zu überzeugen. Schade um die Kulisse.
Ähnlich wie der Freitag geht auch der Samstag erst sehr spät los. Genau genommen erst um 18.15 Uhr mit W.A.S.P. auf der True Metal Stage. Wie eigentlich immer sind W.A.S.P. auch heute ein Garant für beste Unterhaltung. Es reiht sich Klassiker an Klassiker und das grandiose „Babylon's Burning“ hat ebenfalls einen berechtigen Platz in der Setlist. Wünschenswert wäre nur, dass „I don't need no Doctor“ und „The real me“ langsam mal aus dem Set fliegen. Das nervige „Blind in Texas“ wurde offenbar schon gekickt. So gibt es mehr Platz für die wirklich tollen Songs: „Chainsaw Charlie“, „The Idol“, „Hellion“, „Wild Child“, „I wanna be Somebody“, „On your Knees“, „L.O.V.E. Machine“ und Co. Insgesamt eine tolle Show mit begeistertem Publikum. Lediglich das vom Band kommende Intro, das aus kleinen Fetzen diverser W.A.S.P.-Songs besteht kommt mit dem im Hintergrund laufendem Hubschraubergeräusch etwas komisch.
Gleich im Anschluss spielen Stratovarius auf der Party Stage und füllen diese auch gut aus. Wenn man mit einem Song wie „Hunting high and low“ startet hat man dabei natürlich auch gleich das Publikum auf seiner Seite. „Phoenix“, „Against the Wind“ und „Eagle Heart“ begeistern dabei ganz genau so, obwohl Sänger Timo Kotipelto zeitweise nicht ganz textsicher zu sein scheint. Egal, die Texte hat man ja selbst im Kopf.
Eine Band später beginnen Soulfly mit der Zerlegung der True Metal Stage. Max Cavalera wirkt dabei körperlich jedoch leicht verbraucht, gröhlt aber ganz ordentlich. Der Funke springt schnell über und dank agilem Gitarristen Marc Rizzo, der einen Aktionsradius von geschätzten zwölf Quadratmetern hat, wird die Bühne auch gut beackert.
Den Abschluss des Festivals bilden schließlich The Devils Blood, die in beeindruckend konsequenter Manier ihr Programm abspielen. Dabei gibt es zwischen den Songs weder eine Pause, noch werden Worte an das Publikum gerichtet. Köpfe werden synchron geschüttelt und die vielen Kerzen machen die psychedelische Atmosphäre perfekt. Wortlos verlassen die Musiker nach getaner Arbeit bei ausklingenden Gitarren die Bühne. Grandios, vor allem um die Uhrzeit!
Will man abschließend noch ein Fazit ziehen, kann man sagen, dass die Organisation wie immer perfekt war. Besucher, Bands und sämtliche dort arbeitende Menschen waren gut drauf. Das Wetter hat auch mitgespielt und sympathischerweise wurde über die Videoleinwände immer wieder darauf hingewiesen Circle Pits und eine Wall of Death bitte gar nicht erst zu starten. Wenn sich dann noch die Zahl der Crowdsurfer in Grenzen hält, kann man Wacken 2011 schon mal freudestrahlend entgegenblicken.
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