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Multiple Identitäten. Von Samar Ertsey. Teil 4

 

Von der Persönlichkeit zur Identität

 

Die Persönlichkeiten und Rollen sollen also die alltäglichen Probleme für uns lösen. Was aber geschieht, wenn die Probleme größer werden? Je größer das Problem, desto stärker vertieft man sich in seine Rolle, denn desto weniger kann man selber auf die Beine stellen. Man verläßt sich auf seine inneren Helfer, die dann ihre Rolle so gut wie möglich spielen. Doch es gibt Belastungen, die so schlimm und unvorstellbar sind, daß wir keine Persönlichkeit auf Lager haben, die damit umgehen kann. Wenn Kindern über Jahre hinweg Gewalt angetan wird, die so schrecklich ist, daß die Kinder jeden Tag um ihr Leben fürchten (man nennt das ein massives Trauma), dann versagen die Persönlichkeiten. Das Kind weiß sich nicht mehr selber zu helfen. Alleine und schutzlos steht es da und droht, den Verstand zu verlieren. In solchen Fällen kann es passieren, daß sich ein Kind noch viel weiter in die Rollen vertieft, von denen es sich erhofft, daß sie ihm helfen werden. Wenn es von außen keine Hilfe bekommt, dann schaffte es sich in seiner Verzweiflung innere Beschützer. Bei Gefahr übernehmen die neuen Beschützer das Ruder und behüten das Kind davor, weiter verletzt zu werden. Es ist in Sicherheit. Doch der Preis dafür ist hoch. Denn damit der Schutz vor dieser bedrohlichen Situation wirklich funktioniert, muß das Kind voll und ganz in der Rolle seiner neuen Beschützer aufgehen. So sehr, daß die Beschützer ein eigenes Leben entwickeln. Sie sind keine Persönlichkeiten mehr, sie werden zu eigenständigen Identitäten. Eigenen Wesen, wenn man so will, die alles das ertragen können, was das verletzte Kind nicht überleben könnte. Neuen Wesen, die sich mit dem Kind denselben Körper teilen, und die jedes einzelne der Ansicht sind, daß sie sie selbst sind, und nicht Teile eines größeren Ganzen. Was bei normalen Problemen eine gute Taktik ist, läuft bei dieser Art von Trauma derart aus der Hand, daß von einer einheitlichen Identität, dem Gefühl des Ganz- Seins, nicht mehr die Rede sein kann. Es entsteht ein psychisches Phänomen, das man "Multiple Persönlichkeitsstörung" (MPS) oder auch - zutreffender - "Dissoziative Identitätsstörung" (also eine Zersplitterung der Identität) nennt. Darunter versteht man in der Psychologie eine "Krankheit", deren wesentlicher Bestandteil es ist, daß die Psyche sich in zwei oder mehr verschiedene Teile spaltet, die jeder für sich genommen einen kompletten Menschen ergeben könnten.

 
 
 
 
 
 
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