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Von der Persönlichkeit zur Identität
Die Persönlichkeiten und Rollen sollen also die alltäglichen Probleme
für uns lösen. Was aber geschieht, wenn die Probleme größer werden? Je
größer das Problem, desto stärker vertieft man sich in seine Rolle,
denn desto weniger kann man selber auf die Beine stellen. Man verläßt
sich auf seine inneren Helfer, die dann ihre Rolle so gut wie möglich
spielen. Doch es gibt Belastungen, die so schlimm und unvorstellbar
sind, daß wir keine Persönlichkeit auf Lager haben, die damit umgehen
kann. Wenn Kindern über Jahre hinweg Gewalt angetan wird, die so
schrecklich ist, daß die Kinder jeden Tag um ihr Leben fürchten (man
nennt das ein massives Trauma), dann versagen die Persönlichkeiten. Das
Kind weiß sich nicht mehr selber zu helfen. Alleine und schutzlos steht
es da und droht, den Verstand zu verlieren. In solchen Fällen kann es
passieren, daß sich ein Kind noch viel weiter in die Rollen vertieft,
von denen es sich erhofft, daß sie ihm helfen werden. Wenn es von außen
keine Hilfe bekommt, dann schaffte es sich in seiner Verzweiflung
innere Beschützer. Bei Gefahr übernehmen die neuen Beschützer das Ruder
und behüten das Kind davor, weiter verletzt zu werden. Es ist in
Sicherheit. Doch der Preis dafür ist hoch. Denn damit der Schutz vor
dieser bedrohlichen Situation wirklich funktioniert, muß das Kind voll
und ganz in der Rolle seiner neuen Beschützer aufgehen. So sehr, daß
die Beschützer ein eigenes Leben entwickeln. Sie sind keine
Persönlichkeiten mehr, sie werden zu eigenständigen Identitäten.
Eigenen Wesen, wenn man so will, die alles das ertragen können, was das
verletzte Kind nicht überleben könnte. Neuen Wesen, die sich mit dem
Kind denselben Körper teilen, und die jedes einzelne der Ansicht sind,
daß sie sie selbst sind, und nicht Teile eines größeren Ganzen. Was bei
normalen Problemen eine gute Taktik ist, läuft bei dieser Art von
Trauma derart aus der Hand, daß von einer einheitlichen Identität, dem
Gefühl des Ganz- Seins, nicht mehr die Rede sein kann. Es entsteht ein
psychisches Phänomen, das man "Multiple Persönlichkeitsstörung" (MPS)
oder auch - zutreffender - "Dissoziative Identitätsstörung" (also eine
Zersplitterung der Identität) nennt. Darunter versteht man in der
Psychologie eine "Krankheit", deren wesentlicher Bestandteil es ist,
daß die Psyche sich in zwei oder mehr verschiedene Teile spaltet, die
jeder für sich genommen einen kompletten Menschen ergeben könnten.
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