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Multiple Identitäten. Von Samar Ertsey. Teil 5

Multiple Identitäten

Stellt Euch eine junge Frau namens Susanne vor, die zum Arzt kommt, weil sie, wie sie sagt, immer häufiger "Zeit verliert". Im einen Moment war sie noch daheim beim Frühstück und las in der Zeitung, und plötzlich befindet sie sich abends, zwei Tage später, in der Fußgängerzone. Susanne leidet schrecklich unter diesen Amnesien. Sie fürchtet, verrückt zu sein. Als der Arzt sie zu ihrer Vergangenheit befragt, ob sie Drogen genommen habe, ob sie in ihrer Familie psychisch Kranke habe usw., wird Susanne plötzlich für einen Moment still. Dann plötzlich springt sie aus dem Stuhl auf und beginnt, den Arzt zu beschimpfen, er solle sie in Ruhe lassen, und droht ihm mit Gewalt, wenn er mit den Fragen nicht aufhört. Es dauert nicht lange, bis der Arzt merkt, daß er nicht mehr mit Susanne spricht. Die Frau, die ihm so wütend gegenübersteht, nennt sich Susi. Ihre Stimme ist tiefer, und ihre Bewegungen sind kraftvoller. Der Arzt beschließt, Susi auf Tonband aufzunehmen und stellt keine Fragen mehr. Susi beruhigt sich, und nach einer weiteren Pause sieht sich die Frau verblüfft um. Susanne weiß nicht, wieso sie nicht mehr im Stuhl sitzt. Mit Hilfe des Tonbands gelingt es dem Arzt nach einigen weiteren Sitzungen, Susanne davon zu überzeugen, daß sie unter der Multiplen Persönlichkeitsstörung leidet. Nach einer langen Psychotherapie kommt schließlich Susannes Geschichte zutage. In ihrer Kindheit war sie über Jahre schlimmem Mißbrauch durch den Vater ausgesetzt. Ihre Welt begann, sich in nichts aufzulösen. Wenn sie ihrem Vater nicht zeigte, daß sie ihn lieb hatte, dann schlug er sie. War sie lieb zu ihm, dann kam er nachts in ihr Zimmer. Was sie auch tat, führte zu weiteren Verletzungen. Niemand glaubte Susanne, als sie von ihrem Problem erzählte. Sie drohte, verrückt zu werden. Dann begann sie nachts, sich vorzustellen, es sei gar nicht sie, die von ihrem Vater verletzt wurde, sondern ihre Zwillingsschwester Susi. Doch die existierte nur in ihrem Kopf. Susi war stärker als Susanne, und sie konnte mit ihrer Wut besser umgehen. Sie war stark und unverwundbar. Es dauerte nicht lange, bis Susi tatsächlich eine Art Eigenleben entwickelte. Sie schickte Susanne immer dann, wenn jemand begann, ihr wehzutun, irgendwo in einen "Raum hinter den Augen", wo Susanne in Sicherheit war und kaum noch wahrnahm, was mit ihrem Körper geschah. Bis der Vater dann starb, übernahm Susi immer häufiger die Kontrolle. Danach trat sie in den Hintergrund, weil es Susanne gut ging. Doch kürzlich war Susanne in eine Großstadt gezogen und hatte mit einem schwierigen Studium begonnen. Sie fühlte sich alleine überfordert, und so kam Susi zurück.
Dies ist ein recht typischer Fall von Multipler Identität. Und auch wenn Susanne sehr unter dem Gedächtnisverlust zu leiden hatte, so war Susi doch nur zurückgekommen, um sie zu beschützen.
Multiple Identitäten sind eine Art Notfallschirm. Wenn alles andere versagt, treten sie in Erscheinung. Anstelle der ursprünglichen Person nehmen diese Helfer das Leid auf sich, oder versuchen, es abzuwenden. Einige opfern sich sogar so weit, daß sie anstelle der originalen Identität psychische Störungen entwickeln. Sie werden stellvertretend "verrückt", damit der Rest unversehrt bleibt. Man schuldet ihnen sein Leben. Das Problem ist nur, daß sie nicht einfach wieder verschwinden, wenn das Problem vorbei ist. Sie sind ja eigenständige Identitäten, die einen Großteil des Lebens des Körpers, in dem sie gemeinsam stecken, bestimmen. Und damit haben sie letztlich ja das gleiche "Recht" auf ein weiterbestehen wie das ursprüngliche Wesen. Oft nämlich sind die multiplen Identitäten nichts anderes als einzelne Teilstücke, Aspekte, der ursprünglichen Person, die wir "das verletzte Kind" nennen. Das "verletzte Kind" ist meist von dem Schmerz und den Qualen komplett überwältigt und unfähig, überhaupt noch zu handeln. Je länger das Trauma anhält, desto schlimmer ist sein Zustand, und desto mehr Helfer braucht das Kind, um sich über den Tag hinweg zu retten. Es erschafft einen Helfer, der in die Schule geht, und einen, der mit der Mutter gut umgehen kann. Einen für das Spiel mit den Gleichaltrigen. Vielleicht einen für handwerkliche Arbeiten. Viele "Multiple" entwickeln sich dabei zu einer Art "Universalgenie", denn jeder einzelne Aspekt ist ein Profi in dem, was er tut, da er ja immer nur eine Sache zu tun hat. Je mehr Identitäten in einem Körper zusammenkommen, desto schlimmer muß die ursprüngliche Verletzung gewesen sein. Es gibt Fälle, in denen über 60 verschiedene Persönlichkeiten sich einen Körper teilten, wobei die Anzahl noch weiter zunahm. Und jede einzelne hatte einen ganz eigenen Charakter und eigene Vorlieben, wünschte sich ein eigenes Leben. Es gibt sogar Fälle, in denen sich die inneren Personen so stark voneinander abgrenzen, daß sie sogar körperlich verschieden sind. Zum Beispiel kann eine Persönlichkeit kurzsichtig sein, eine andere weitsichtig, und zwar so sehr, daß sie verschiedene Brillen brauchen. An sich sind diese Helfer etwas Gutes. Doch mit der Zeit überleben sie in so einem Fall ihre Nützlichkeit und entwickeln sich zu einem Problem. Problem Nummer Eins ist in der Regel, daß die meisten dieser Identitäten nicht miteinander in Verbindung stehen. Wenn eine die Kontrolle übernimmt, werden die anderen einfach in den Hintergrund gedrängt und merken nicht, was vor sich geht. Sie erleiden eine Gedächtnislücke, "verlieren Zeit". Das erschwert es natürlich, ein geregeltes Leben zu führen. Es gibt aber meistens auch ein paar Helfer, die von den anderen wissen und sich bemühen, das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Betroffene beschreiben das so, daß einige der Identitäten im "Raum hinter den Augen" mit den anderen sprechen können, während die anderen einfach nur dasitzen und glauben, dort allein zu sein oder schlafen. Problem Nummer Zwei liegt vor, wenn immer mehr neue Personen erschaffen werden. In schlimmen Fällen bildet die gespaltene Psyche immer neue Identitäten, wann immer ein neuartiges Problem auftaucht, für das es bisher noch keinen Spezialisten unter den Helfern gibt. Irgendwann kann die Psyche die weitere Aufspaltung nicht mehr aushalten. Man kann einen Holzklotz ja auch nicht in beliebig viele Teile zerkleinern, ohne daß irgendwann das Holz zu splittern beginnt. Wenn dagegen nichts getan wird, kann es sein, daß der Wahnsinn das "verletzte Kind" doch noch einholt. Das Ende wäre dann der endgültige seelische Zusammenbruch und ein Ende in der Nervenklinik.

 
 
 
 
 
 
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