Multiple Identitäten
Stellt Euch eine junge Frau namens Susanne vor, die zum Arzt kommt,
weil sie, wie sie sagt, immer häufiger "Zeit verliert". Im einen Moment
war sie noch daheim beim Frühstück und las in der Zeitung, und
plötzlich befindet sie sich abends, zwei Tage später, in der
Fußgängerzone. Susanne leidet schrecklich unter diesen Amnesien. Sie
fürchtet, verrückt zu sein. Als der Arzt sie zu ihrer Vergangenheit
befragt, ob sie Drogen genommen habe, ob sie in ihrer Familie psychisch
Kranke habe usw., wird Susanne plötzlich für einen Moment still. Dann
plötzlich springt sie aus dem Stuhl auf und beginnt, den Arzt zu
beschimpfen, er solle sie in Ruhe lassen, und droht ihm mit Gewalt,
wenn er mit den Fragen nicht aufhört. Es dauert nicht lange, bis der
Arzt merkt, daß er nicht mehr mit Susanne spricht. Die Frau, die ihm so
wütend gegenübersteht, nennt sich Susi. Ihre Stimme ist tiefer, und
ihre Bewegungen sind kraftvoller. Der Arzt beschließt, Susi auf Tonband
aufzunehmen und stellt keine Fragen mehr. Susi beruhigt sich, und nach
einer weiteren Pause sieht sich die Frau verblüfft um. Susanne weiß
nicht, wieso sie nicht mehr im Stuhl sitzt. Mit Hilfe des Tonbands
gelingt es dem Arzt nach einigen weiteren Sitzungen, Susanne davon zu
überzeugen, daß sie unter der Multiplen Persönlichkeitsstörung leidet.
Nach einer langen Psychotherapie kommt schließlich Susannes Geschichte
zutage. In ihrer Kindheit war sie über Jahre schlimmem Mißbrauch durch
den Vater ausgesetzt. Ihre Welt begann, sich in nichts aufzulösen. Wenn
sie ihrem Vater nicht zeigte, daß sie ihn lieb hatte, dann schlug er
sie. War sie lieb zu ihm, dann kam er nachts in ihr Zimmer. Was sie
auch tat, führte zu weiteren Verletzungen. Niemand glaubte Susanne, als
sie von ihrem Problem erzählte. Sie drohte, verrückt zu werden. Dann
begann sie nachts, sich vorzustellen, es sei gar nicht sie, die von
ihrem Vater verletzt wurde, sondern ihre Zwillingsschwester Susi. Doch
die existierte nur in ihrem Kopf. Susi war stärker als Susanne, und sie
konnte mit ihrer Wut besser umgehen. Sie war stark und unverwundbar. Es
dauerte nicht lange, bis Susi tatsächlich eine Art Eigenleben
entwickelte. Sie schickte Susanne immer dann, wenn jemand begann, ihr
wehzutun, irgendwo in einen "Raum hinter den Augen", wo Susanne in
Sicherheit war und kaum noch wahrnahm, was mit ihrem Körper geschah.
Bis der Vater dann starb, übernahm Susi immer häufiger die Kontrolle.
Danach trat sie in den Hintergrund, weil es Susanne gut ging. Doch
kürzlich war Susanne in eine Großstadt gezogen und hatte mit einem
schwierigen Studium begonnen. Sie fühlte sich alleine überfordert, und
so kam Susi zurück.
Dies ist ein recht typischer Fall von Multipler Identität. Und auch
wenn Susanne sehr unter dem Gedächtnisverlust zu leiden hatte, so war
Susi doch nur zurückgekommen, um sie zu beschützen.
Multiple Identitäten sind eine Art Notfallschirm. Wenn alles andere
versagt, treten sie in Erscheinung. Anstelle der ursprünglichen Person
nehmen diese Helfer das Leid auf sich, oder versuchen, es abzuwenden.
Einige opfern sich sogar so weit, daß sie anstelle der originalen
Identität psychische Störungen entwickeln. Sie werden stellvertretend
"verrückt", damit der Rest unversehrt bleibt. Man schuldet ihnen sein
Leben. Das Problem ist nur, daß sie nicht einfach wieder verschwinden,
wenn das Problem vorbei ist. Sie sind ja eigenständige Identitäten, die
einen Großteil des Lebens des Körpers, in dem sie gemeinsam stecken,
bestimmen. Und damit haben sie letztlich ja das gleiche "Recht" auf ein
weiterbestehen wie das ursprüngliche Wesen. Oft nämlich sind die
multiplen Identitäten nichts anderes als einzelne Teilstücke, Aspekte,
der ursprünglichen Person, die wir "das verletzte Kind" nennen. Das
"verletzte Kind" ist meist von dem Schmerz und den Qualen komplett
überwältigt und unfähig, überhaupt noch zu handeln. Je länger das
Trauma anhält, desto schlimmer ist sein Zustand, und desto mehr Helfer
braucht das Kind, um sich über den Tag hinweg zu retten. Es erschafft
einen Helfer, der in die Schule geht, und einen, der mit der Mutter gut
umgehen kann. Einen für das Spiel mit den Gleichaltrigen. Vielleicht
einen für handwerkliche Arbeiten. Viele "Multiple" entwickeln sich
dabei zu einer Art "Universalgenie", denn jeder einzelne Aspekt ist ein
Profi in dem, was er tut, da er ja immer nur eine Sache zu tun hat. Je
mehr Identitäten in einem Körper zusammenkommen, desto schlimmer muß
die ursprüngliche Verletzung gewesen sein. Es gibt Fälle, in denen über
60 verschiedene Persönlichkeiten sich einen Körper teilten, wobei die
Anzahl noch weiter zunahm. Und jede einzelne hatte einen ganz eigenen
Charakter und eigene Vorlieben, wünschte sich ein eigenes Leben. Es
gibt sogar Fälle, in denen sich die inneren Personen so stark
voneinander abgrenzen, daß sie sogar körperlich verschieden sind. Zum
Beispiel kann eine Persönlichkeit kurzsichtig sein, eine andere
weitsichtig, und zwar so sehr, daß sie verschiedene Brillen brauchen.
An sich sind diese Helfer etwas Gutes. Doch mit der Zeit überleben sie
in so einem Fall ihre Nützlichkeit und entwickeln sich zu einem
Problem. Problem Nummer Eins ist in der Regel, daß die meisten dieser
Identitäten nicht miteinander in Verbindung stehen. Wenn eine die
Kontrolle übernimmt, werden die anderen einfach in den Hintergrund
gedrängt und merken nicht, was vor sich geht. Sie erleiden eine
Gedächtnislücke, "verlieren Zeit". Das erschwert es natürlich, ein
geregeltes Leben zu führen. Es gibt aber meistens auch ein paar Helfer,
die von den anderen wissen und sich bemühen, das Gleichgewicht
aufrechtzuerhalten. Betroffene beschreiben das so, daß einige der
Identitäten im "Raum hinter den Augen" mit den anderen sprechen können,
während die anderen einfach nur dasitzen und glauben, dort allein zu
sein oder schlafen. Problem Nummer Zwei liegt vor, wenn immer mehr neue
Personen erschaffen werden. In schlimmen Fällen bildet die gespaltene
Psyche immer neue Identitäten, wann immer ein neuartiges Problem
auftaucht, für das es bisher noch keinen Spezialisten unter den Helfern
gibt. Irgendwann kann die Psyche die weitere Aufspaltung nicht mehr
aushalten. Man kann einen Holzklotz ja auch nicht in beliebig viele
Teile zerkleinern, ohne daß irgendwann das Holz zu splittern beginnt.
Wenn dagegen nichts getan wird, kann es sein, daß der Wahnsinn das
"verletzte Kind" doch noch einholt. Das Ende wäre dann der endgültige
seelische Zusammenbruch und ein Ende in der Nervenklinik.
|