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Multiple Identitäten. Von Samar Ertsey. Teil 6

Leben mit der Multiplen Identität

Ist man von der Multiplen Identitätsstörung betroffen, so gilt es zunächst einmal, die naheliegenden Folgen von Problem Nr. 1 zu lösen. Die Gedächtnislücken und plötzlichen Ausfälle der verschiedenen Personen, die alle so viel Zeit für sich wie möglich haben wollen, machen es den meisten "Multiplen" fast unmöglich, eine Ausbildung oder einen Beruf durchzuhalten. Die Persönlichkeit, deren Name auf den Prüfungspapieren steht, kann große Teile des Lernstoffs versäumt haben, weil einer der Helfer unbedingt zum Skifahren wollte. Wie schon gesagt besteht das Problem letztlich in der fehlenden Kommunikation der einzelnen Aspekte. Multiple Persönlichkeiten lernen sehr schnell unter ärztlicher Anleitung, daß alle ihre Teilpersonen am selben Strang ziehen, auch wenn sie ihre Prioritäten anders setzen. Hat ein Betroffener erst einmal akzeptiert, daß er unter einer realen psychischen Störung leidet, die keineswegs Ausdruck von Irrsinn ist, kann man die Einzelnen Identitäten davon überzeugen, zusammenzuarbeiten. Unter Mithilfe von Persönlichkeiten, die mit anderen in Verbindung stehen, oder über den Therapeuten einigen sich die aktivsten Identitäten zunächst auf einen Zeitplan. Denjenigen Aspekten, die sich ihre kindliche Seite erhalten haben, wird Spielzeit eingeräumt, den arbeitenden wird im gegenseitigen Einvernehmen zugesichert, daß man sie ihre Arbeit machen läßt. Das erste Ziel einer Therapie der MPS ist es daher, dem Leben der verschiedenen Identitäten eine Struktur zu geben, um ein selbständiges Leben zu ermöglichen. Denn da die meisten dieser Identitäten geistig an sich gesund sind, wäre es ungerecht, sie alle in eine geschlossene Anstalt zu stecken. Und wenn die Krankheit erkannt ist, ist es durchaus möglich für die Multiplen, ein erfülltes, produktives Leben zu führen. Sogar produktiver als die meisten, weil die Helfer ja die Aufgabenteilung perfektioniert haben und in ihrem Spezialgebiet oft herausragende Leistungen bringen. Schwieriger ist es da schon, mit dem zweiten Problem umzugehen. Es ist das tatsächliche klinische Problem, also das, was die MPS zu einer Krankheit macht. Es gibt nur eine Möglichkeit, dieses Problem zu lösen, und das besteht in einer Psychotherapie. Der Therapeut muß in dem Gewirr der vielen Identitäten die ursprüngliche, das "verletzte Kind" finden und ihm klarmachen, daß die Gefahr vorbei ist, daß es gewonnen hat und die Beschützer nun nicht mehr braucht. Im Verlauf dieses Prozesses hört in der Regel zumindest die weitere Aufspaltung auf, das System stabilisiert sich. Bei den meisten "Multiplen" kann dieser Punkt eines stabilen Gleichgewichts erreicht werden. Eine wirkliche Heilung ist das nicht. Denn von einer Heilung kann man nur dann sprechen, wenn sich die vielen Identitäten wieder vereinen. Doch das kommt nicht oft vor. Jede der inneren Personen fürchtet sich vor der Vereinigung, der Reintegration, weil sie nicht weiß, was danach aus ihr wird. Es ist wie die Furcht vor dem Tod. Bei den bekannten Fällen einer Heilung sieht es allerdings anders aus. Aus den Identitäten werden bei einer Heilung wieder Persönlichkeiten, Rollen, so wie sie ursprünglich gedacht waren. Sie gehen nicht etwa verloren, sondern sind dann alle gleichzeitig da, und führen zwar kein Eigenleben mehr, dafür behindern sie sich aber nicht mehr gegenseitig, sondern unterstützen sich. Das zersplitterte Wesen heilt und wird meist viel mehr als die Summe der Einzelidentitäten. Ein neuer Mensch, der großes Potential hat, und ein ganz neues Leben beginnen kann. Der das Leben wieder aufnimmt, das ihm als Kind gestohlen wurde.

 
 
 
 
 
 
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