Leben mit der Multiplen Identität
Ist man von der Multiplen Identitätsstörung betroffen, so gilt es
zunächst einmal, die naheliegenden Folgen von Problem Nr. 1 zu lösen.
Die Gedächtnislücken und plötzlichen Ausfälle der verschiedenen
Personen, die alle so viel Zeit für sich wie möglich haben wollen,
machen es den meisten "Multiplen" fast unmöglich, eine Ausbildung oder
einen Beruf durchzuhalten. Die Persönlichkeit, deren Name auf den
Prüfungspapieren steht, kann große Teile des Lernstoffs versäumt haben,
weil einer der Helfer unbedingt zum Skifahren wollte. Wie schon gesagt
besteht das Problem letztlich in der fehlenden Kommunikation der
einzelnen Aspekte. Multiple Persönlichkeiten lernen sehr schnell unter
ärztlicher Anleitung, daß alle ihre Teilpersonen am selben Strang
ziehen, auch wenn sie ihre Prioritäten anders setzen. Hat ein
Betroffener erst einmal akzeptiert, daß er unter einer realen
psychischen Störung leidet, die keineswegs Ausdruck von Irrsinn ist,
kann man die Einzelnen Identitäten davon überzeugen,
zusammenzuarbeiten. Unter Mithilfe von Persönlichkeiten, die mit
anderen in Verbindung stehen, oder über den Therapeuten einigen sich
die aktivsten Identitäten zunächst auf einen Zeitplan. Denjenigen
Aspekten, die sich ihre kindliche Seite erhalten haben, wird Spielzeit
eingeräumt, den arbeitenden wird im gegenseitigen Einvernehmen
zugesichert, daß man sie ihre Arbeit machen läßt. Das erste Ziel einer
Therapie der MPS ist es daher, dem Leben der verschiedenen Identitäten
eine Struktur zu geben, um ein selbständiges Leben zu ermöglichen. Denn
da die meisten dieser Identitäten geistig an sich gesund sind, wäre es
ungerecht, sie alle in eine geschlossene Anstalt zu stecken. Und wenn
die Krankheit erkannt ist, ist es durchaus möglich für die Multiplen,
ein erfülltes, produktives Leben zu führen. Sogar produktiver als die
meisten, weil die Helfer ja die Aufgabenteilung perfektioniert haben
und in ihrem Spezialgebiet oft herausragende Leistungen bringen.
Schwieriger ist es da schon, mit dem zweiten Problem umzugehen. Es ist
das tatsächliche klinische Problem, also das, was die MPS zu einer
Krankheit macht. Es gibt nur eine Möglichkeit, dieses Problem zu lösen,
und das besteht in einer Psychotherapie. Der Therapeut muß in dem
Gewirr der vielen Identitäten die ursprüngliche, das "verletzte Kind"
finden und ihm klarmachen, daß die Gefahr vorbei ist, daß es gewonnen
hat und die Beschützer nun nicht mehr braucht. Im Verlauf dieses
Prozesses hört in der Regel zumindest die weitere Aufspaltung auf, das
System stabilisiert sich. Bei den meisten "Multiplen" kann dieser Punkt
eines stabilen Gleichgewichts erreicht werden. Eine wirkliche Heilung
ist das nicht. Denn von einer Heilung kann man nur dann sprechen, wenn
sich die vielen Identitäten wieder vereinen. Doch das kommt nicht oft
vor. Jede der inneren Personen fürchtet sich vor der Vereinigung, der
Reintegration, weil sie nicht weiß, was danach aus ihr wird. Es ist wie
die Furcht vor dem Tod. Bei den bekannten Fällen einer Heilung sieht es
allerdings anders aus. Aus den Identitäten werden bei einer Heilung
wieder Persönlichkeiten, Rollen, so wie sie ursprünglich gedacht waren.
Sie gehen nicht etwa verloren, sondern sind dann alle gleichzeitig da,
und führen zwar kein Eigenleben mehr, dafür behindern sie sich aber
nicht mehr gegenseitig, sondern unterstützen sich. Das zersplitterte
Wesen heilt und wird meist viel mehr als die Summe der
Einzelidentitäten. Ein neuer Mensch, der großes Potential hat, und ein
ganz neues Leben beginnen kann. Der das Leben wieder aufnimmt, das ihm
als Kind gestohlen wurde.
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