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Alina Fox: Gestohlene Meisterwerke. Von Ariana Rüssler. Teil 2
"Kunst ist eine Art Aufruhr" (Pablo Picasso, 1881 - 1973)

Picasso verließ unbemerkt das Schiff
von Ariana Rüsseler

Boote als Ausstellungsstücke gibt es in zahlreichen Museen. Auch Segler oder Dampfer, die festverankert in diversen Gewässern liegen, bieten sich schon mal als Ausstellungsfläche an, sei es zur Information über ihre eigene Geschichte, über die des Fischfangs oder als Hort für Exponate zur Entwicklung des Badewesens. Nur selten kommt einem jedoch in den Sinn, dass sie schwimmende Tresore sein könnten. Wie der Fall der "Coral Island" zeigt, sollte man Schiffe als Privatmuseen jedoch keineswegs unterschätzen.

Im Jahre 1999 trug es sich zu, dass der reiche saudiarabische Geschäftsmann und Besitzer obengenannter Yacht sein Schmuckstück für eine überholung und Neuausstattung wert befand. In Barcelona war dies geplant, zuvor sollten jedoch alle an Bord befindlichen Kunstschätze nach England gebracht werden, damit ihnen an Bord nichts schlimmes wiederfahren könne. Der Hafen des französischen Antibes wurde Pablo Picassos Bild "Bust de Femme" (Ein Brustbild seiner Geliebten Dora Maar, 82,5 x 72,5 cm groß, Öl auf Leinwand, 1938 gemalt) zum Verhängnis.

Sang und klanglos verschwand es am 11. März 1999 von der Yacht, obwohl nur vier Personen wussten, wo sich das Bild befand, nämlich in einem abgeschlossenen Raum an Bord, für den es wiederum nur zwei Schlüssel gab. Verdächtigt wurden Kapitän und Crew der luxuriösen Yacht, jedoch ohne dass die Polizei Beweise für ihre Täterschaft finden konnte. Neben der "Bust de Femme" hortete der Saudi andere hochkarätige Kunstschätze an Bord, so z. B. weitere Picassos und Bilder von Henri Matisse. Es sind 580.000 US-Dollar Belohnung für die Wiederbeschaffung des Bildes, das einen geschätzten Wert von rund 7 Millionen Dollar besitzt, ausgeschrieben.

Selbst eine kurze Zusammenfassung von Picassos Kunstschaffen würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen und kann in jedem guten Lexikon nachgelesen werden. Daher lieber ein paar Fakten zu Dora Maar, die auf dem gestohlenen Bild festgehalten wurde. Dora Maar, alias Henriette Theodora Markovitch, geboren 1907 in Russland, lernte Picasso 1936 in einem Pariser Cafe kennen und wurde bis 1943 seine zweite Geliebte (Picasso hatte sich im Jahr zuvor von seiner Frau Olga Khoklova scheiden lassen, ließ sich aber bereits seit 1931 von der jungen Geliebten Marie-Therese Walter inspirieren und verwöhnen). Die Trennung von Picasso, mit dem Dora Maar sich häufig stritt, stürzte sie in tiefe Depressionen, die sie in eine selbstgewählte Einsamkeit trieben.

Als sie am 16. Juli 1997 starb, hinterließ sie eine Picasso-Sammlung mit über 140 Objekten, die der Öffentlichkeit mehr als 50 Jahre verschlossen geblieben war. Eine sehr persönliche Sammlung, mit zahlreichen Erinnerungsstücken und Portraits von ihr. 32 Bilder und Zeichnungen sowie Briefe und Fotos wurden im Oktober 1998 in Paris für 27 Millionen US-Dollar versteigert. Sechs Bilder fanden ihren Weg übrigens in die Berliner Berggruen Sammlung. Den Erlös erhielten zwei entfernte Cousinen von Dora Maar, die sie nicht einmal gekannt hatten und die sich ziemlich überrascht über ihre unerwartete Erbschaft zeigten.

Da Picasso viel gemalt hat und daher auch viel von ihm gestohlen wird, hier ein Lichtblick: Im Juli diesen Jahres tauchte sein Ölgemälde "Ace of Clubs" (1914), dass 1993 in der Genfer Krugier Galerie gestohlen worden war, wieder auf. Das auf 450.000 Dollar geschätzte Bild wurde beim einem 45-jährigen Mann in der französischen Stadt Ecully gefunden. Vielleicht findet sich die "Bust de Femme" in zehn Jahren ja auch wieder ein.

Weitere Infos:
Unter www.tamu.edu liegt das "Online Picasso Projekt", welches eigentlich keine Fragen zu seinem Leben und seinen Bildern offen lässt. Da die Yacht wohl kaum besichtigt werden kann, hier die Seite des Picasso Museums in Paris www.paris.org.

Literatur:
  • Tania Förster: Dora Maar. Picassos Weinende, Hamburg 2001.
  • Mary Ann Caws: Dora Maar with and without Picasso. A biography, London 2000.
  • Hajo Düchting: Pablo Picasso, München 2001.
  • Picasso und seine Zeit, Ausst.-kat. Sammlung Berggruen, Staatliche Museen Berlin, Berlin 1996.
  • Zitat:
    Francoise Gilot und Carlton Lake: Leben mit Picasso, München 1967, S. 185.

Teil 1: Ältestes Museum Englands verliert seinen einzigen Cézanne

Teil 3: Picasso verließ unbemerkt das Schiff

Teil 4: Mitgenommene Romantiker

Teil 5: "Der Schrei" ist kurzzeitig verstummt 

Teil 6: Tizian wartet an der Bushaltestelle

 

 
 
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