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Alina Fox: Gestohlene Meisterwerke. Von Ariana Rüssler. Teil 3
"Kunst ist ohnehin mehr, als eine Zeit von ihr weiß" (Hans H. Hofstätter, Kunsthistoriker, 1928)

Polizisten rauben Museum aus
von Ariana Rüsseler

Am 18. März 1990 geschah der bisher spektakulärste Kunstraub in der Geschichte der USA. Das Isabella Stewart Gardner Museum in Boston (Massachusetts) wurde um zwölf bekannte Meisterwerke der Kunst erleichtert. Die zwei männlichen Diebe marschierten ungehindert als Bostoner Polizisten verkleidet in die heiligen Hallen der Kunst, nachdem sie glaubhaft beteuert hatten, einen gemeldeten Vorfall im Museum nachgehen zu müssen. Das überraschte Sicherheitspersonal wurde von ihnen mit Handschellen gefesselt und mit Klebeband geknebelt ohne dass in irgendeiner Weise von Waffen Gebrauch gemacht wurde. Da die Sicherheitsbeamten keine Gelegenheit hatten, über einen Alarmknopf echte Polizisten herbeizurufen, konnten die Diebe sich eine gute Stunde Zeit lassen, um die Bilder, deren Wert mit insgesamt 300 Millionen Dollar angesetzt ist, und den Film der Überwachungskamera mitzunehmen.

Unter den Bildern befanden sich Arbeiten der französischen Impressionisten Edgar Degas und Edouard Manet sowie Werke von Rembrandt und Vermeer. Das wertvollste und bekannteste der Beutestücke ist wohl "Das Konzert" (Öl auf Leinwand, 72,5 x 64,7 cm). Es wurde von dem Holländer Jan Vermeer van Delft (1632 Delft - 1675 Delft) um 1666 gemalt und zeigt drei Personen bei einem Hauskonzert. Die Dame links im Bild sitzt am Cembalo, der Herr in der Mitte zupft die Laute, während die rechte Dame singt. Im Vordergrund liegt ein Cello auf dem Boden, auf dem Tisch ist ein weiteres Saiteninstrument erkennbar. Das unbeschwerte Musizieren im kleinen häuslichen Kreis ist jedoch nur die erste Interpretationsebene des Bildes, diejenige, die sofort ins Auge springt, sozusagen.

Da im Holland des 17. Jahrhunderts fast jeder Gegenstand auf Bildern etwas symbolisierte (z.B. stehen die beliebten pompösen Blumensträuße für die Vergänglichkeit des Lebens ebenso wie Totenschädel oder Insekten), kann auch das Konzert tiefergehend gedeutet werden. Es symbolisiert in diesem Fall nicht nur vergnügliches Beisammensein, sondern weist zusätzlich auf das Knüpfen zarter Liebesbande hin.

Kurz gesagt: hier wird nicht nur musiziert, hier wird heftig geflirtet, auch wenn man davon direkt nichts sieht. Dies wird besonders durch das "unanständige" rechts im Bild an der Wand positionierte Gemälde deutlich. Es trägt den Titel "Die Kupplerin" (Dirck van Baburen, 1622) und hing bei Vermeers Schwiegermutter im Haus. Hier zeigt sich die Vermittlung einer leichtlebigen Freudenhausdame an einen interessierten Herren durch eine Kupplerin (vergleichbar einer Puffmutter). Als Hintergrundbild taucht es noch auf anderen Gemälden Vermeers auf.

Vermeer, über dessen Werdegang und Einflüsse so gut wie nichts bekannt ist, malte realistisch und viele seiner dargestellten Dinge (z. B. Wandkarten oder wie oben erwähnt Wandgemälde) konnten identifiziert werden. Die Stimmung in seinen Bildern ist beherrscht von Licht, Atmosphäre und Ruhe. Seine Personen gehen immer beschaulichen Tätigkeiten nach. Sie musizieren dezent, lesen oder trinken ein Gläschen Wein. Niemals werden sie laut oder ausfallend, wie sie von einigen Zeitgenossen Vermeers beispielsweise in den sogenannten Wirtshausszenen dargestellt wurden. Hier betrinkt sich ein zumeist bäuerliches Publikum bis zur Besinnungslosigkeit und stopft gleichzeitig maßlos Essen in sich hinein. Vermeers Personen jedoch wissen sich zu beherrschen in ihrer bürgerlichen, häuslichen Umgebung...

Von Vermeer van Delft sind nur rund 35 Bilder bekannt, was einer Produktivität von etwa zwei Bildern pro Jahr gleichkommt, womit jedes einzelne umso kostbarer ist. Wohin "Das Konzert" und die weiteren Kunstwerke entschwunden sind, konnte bisher nicht geklärt werden. Insgesamt ist eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für die Wiederbeschaffung der Bilder ausgesetzt worden. Also, haltet die Augen auf!

Weitere Infos:
Wer sich ein wenig im Bostoner Museum aufhalten möchte, kann dies unter www.gardnermuseum.org tun.
Eine Bildergalerie mit Vermeerwerken findet ihr unter www.cacr.caltech.edu.
Informationen zu Vermeer, der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts oder auch zur Stillebenmalerei bietet u.a. das Kunsthistorische Museum in Wien unter www.khm.at.
Das FBI, welches auch eine ausführliche Täterbeschreibung vorlegt, ist für jeden Hinweis zur Wiederbeschaffung unter www.fbi.gov dankbar.

Literatur:
  • Hajo Düchting: Jan Vermeer van Delft. Im Spiegel seiner Zeit, Erlangen 1996.
  • Arthur K. Wheelock: Vermeer. Das Gesamtwerk, Washington/Den Haag 1995/96.
  • Norbert Schneider: Stilleben. Realität und Symbolik der Dinge. Die Stillebenmalerei der frühen Neuzeit, Köln 1994.
  • Zitat:
  • Hans H. Hofstätter: Symbolismus und die Kunst der Jahrhundertwende, Köln 1978, S. 11

Teil 1: Ältestes Museum Englands verliert seinen einzigen Cézanne

Teil 2: Polizisten rauben Museum aus

Teil 4: Mitgenommene Romantiker

Teil 5: "Der Schrei" ist kurzzeitig verstummt 

Teil 6: Tizian wartet an der Bushaltestelle

 

 
 
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