Am 18. März 1990 geschah der bisher spektakulärste
Kunstraub in der Geschichte der USA. Das Isabella Stewart Gardner
Museum in Boston (Massachusetts) wurde um zwölf bekannte
Meisterwerke der Kunst erleichtert. Die zwei männlichen
Diebe marschierten ungehindert als Bostoner Polizisten verkleidet
in die heiligen Hallen der Kunst, nachdem sie glaubhaft beteuert
hatten, einen gemeldeten Vorfall im Museum nachgehen zu müssen.
Das überraschte Sicherheitspersonal wurde von ihnen mit
Handschellen gefesselt und mit Klebeband geknebelt ohne dass
in irgendeiner Weise von Waffen Gebrauch gemacht wurde. Da die
Sicherheitsbeamten keine Gelegenheit hatten, über einen
Alarmknopf echte Polizisten herbeizurufen, konnten die Diebe
sich eine gute Stunde Zeit lassen, um die Bilder, deren Wert
mit insgesamt 300 Millionen Dollar angesetzt ist, und den Film
der Überwachungskamera mitzunehmen.
Unter den Bildern befanden sich Arbeiten der französischen
Impressionisten Edgar Degas und Edouard Manet sowie Werke von
Rembrandt und Vermeer. Das wertvollste und bekannteste der Beutestücke
ist wohl "Das Konzert" (Öl auf Leinwand, 72,5
x 64,7 cm). Es wurde von dem Holländer Jan Vermeer van
Delft (1632 Delft - 1675 Delft) um 1666 gemalt und zeigt drei
Personen bei einem Hauskonzert. Die Dame links im Bild sitzt
am Cembalo, der Herr in der Mitte zupft die Laute, während
die rechte Dame singt. Im Vordergrund liegt ein Cello auf dem
Boden, auf dem Tisch ist ein weiteres Saiteninstrument erkennbar.
Das unbeschwerte Musizieren im kleinen häuslichen Kreis
ist jedoch nur die erste Interpretationsebene des Bildes, diejenige,
die sofort ins Auge springt, sozusagen.
Da im Holland des 17. Jahrhunderts fast jeder Gegenstand auf
Bildern etwas symbolisierte (z.B. stehen die beliebten pompösen
Blumensträuße für die Vergänglichkeit des
Lebens ebenso wie Totenschädel oder Insekten), kann auch
das Konzert tiefergehend gedeutet werden. Es symbolisiert in
diesem Fall nicht nur vergnügliches Beisammensein, sondern
weist zusätzlich auf das Knüpfen zarter Liebesbande
hin.
Kurz gesagt: hier wird nicht nur musiziert, hier wird heftig
geflirtet, auch wenn man davon direkt nichts sieht. Dies wird
besonders durch das "unanständige" rechts im
Bild an der Wand positionierte Gemälde deutlich. Es trägt
den Titel "Die Kupplerin" (Dirck van Baburen, 1622)
und hing bei Vermeers Schwiegermutter im Haus. Hier zeigt sich
die Vermittlung einer leichtlebigen Freudenhausdame an einen
interessierten Herren durch eine Kupplerin (vergleichbar einer
Puffmutter). Als Hintergrundbild taucht es noch auf anderen
Gemälden Vermeers auf.
Vermeer, über dessen Werdegang und Einflüsse so gut
wie nichts bekannt ist, malte realistisch und viele seiner dargestellten
Dinge (z. B. Wandkarten oder wie oben erwähnt Wandgemälde)
konnten identifiziert werden. Die Stimmung in seinen Bildern
ist beherrscht von Licht, Atmosphäre und Ruhe. Seine Personen
gehen immer beschaulichen Tätigkeiten nach. Sie musizieren
dezent, lesen oder trinken ein Gläschen Wein. Niemals werden
sie laut oder ausfallend, wie sie von einigen Zeitgenossen Vermeers
beispielsweise in den sogenannten Wirtshausszenen dargestellt
wurden. Hier betrinkt sich ein zumeist bäuerliches Publikum
bis zur Besinnungslosigkeit und stopft gleichzeitig maßlos
Essen in sich hinein. Vermeers Personen jedoch wissen sich zu
beherrschen in ihrer bürgerlichen, häuslichen Umgebung...
Von Vermeer van Delft sind nur rund 35 Bilder bekannt, was einer
Produktivität von etwa zwei Bildern pro Jahr gleichkommt,
womit jedes einzelne umso kostbarer ist. Wohin "Das Konzert"
und die weiteren Kunstwerke entschwunden sind, konnte bisher
nicht geklärt werden. Insgesamt ist eine Belohnung von
fünf Millionen Dollar für die Wiederbeschaffung der
Bilder ausgesetzt worden. Also, haltet die Augen auf!
Weitere Infos:
Wer sich ein wenig im Bostoner Museum aufhalten möchte,
kann dies unter
www.gardnermuseum.org
tun.
Eine Bildergalerie mit Vermeerwerken findet ihr unter
www.cacr.caltech.edu.
Informationen zu Vermeer, der holländischen Malerei des
17. Jahrhunderts oder auch zur Stillebenmalerei bietet u.a.
das Kunsthistorische Museum in Wien unter
www.khm.at.
Das FBI, welches auch eine ausführliche Täterbeschreibung
vorlegt, ist für jeden Hinweis zur Wiederbeschaffung unter
www.fbi.gov
dankbar.