Am 28. Juli 1994 stahlen professionelle Diebe aus der Frankfurter Schirn
Kunsthalle drei Bilder, die zusammen einen Wert von 44.000.000 US-Dollar
besitzen. Die noch recht jungen Diebe überfielen einen Wachmann und
nahmen die Gemälde samt Rahmen und Verglasung von den Wänden,
ohne Alarm auszulösen. Die Belohnung für die Wiederbeschaffung
beläuft sich auf 250.000 US-Dollar. Die Bilder, ein Caspar David Friedrich
("Nebelschwaden") sowie zwei William Turner, waren pikanterweise
Leihgaben für die Ausstellung "Goethe und die Kunst" gewesen.
Der Friedrich war von der Hamburger Kunsthalle zur Verfügung gestellt
worden, die Turners von der Londoner Tate Gallery. Den Versicherungswert
der Turner-Bilder, zusammen 24 Millionen britische Pfund, bekam die Tate
Gallery anstandslos ausgezahlt und sie konnte ihn durch eine gute Wertanlage
bis 1999 auf 31 Millionen Pfund vermehren. Für den Fall, dass die beiden
Meisterwerke wieder auftauchen sollten, hätte das Museum die gewaltige
Summe zurückzahlen müssen.
Wie die Jahre so vergingen, ohne dass sich eine Spur der Bilder fand, wurde
die Tate Gallery langsam unruhig. Millionen von Pfund ruhen zu lassen, nur
auf den Verdacht hin, die Bilder könnten wiederbeschafft werden, erschien
ihr Verschwendung. Mit Regierungsunterstützung "kaufte" sich
die Tate den Rechtsanspruch auf die beiden Turnerbilder bei den Versicherungen
Axa Nordstern und Hiscox für 8 Millionen Pfund zurück. Die verbleibenden
23 Millionen Pfund sollen zu einem Teil für den Erhalt der bestehenden
Sammlung eingesetzt werden, da ein gleichwertiger Ersatz der beiden Turners
auf dem derzeitigen Markt so gut wie ausgeschlossen ist. Die Tate besitzt
die weltweit größte Turner Sammlung.
Sowohl Joseph Mallord William Turner (1775 London - 1851 London) als auch
Caspar David Friedrich (1774 Greifswald - 1840 Dresden) waren Maler der
Romantik, die in Europa etwas den Zeitraum von 1800 bis 1830 umfasst. Romantische
Tendenzen sind aber auch nach der Jahrhunderthälfte noch spürbar.
Ihren Ursprung hatte die Romantik in Deutschland, wo man sich in Märchen
(1812 veröffentlichten die bekannten Gebrüder Grimm ihre "Kinder-
und Volksmärchen"), Dichtungen, Nibelungensagen, Ritterlegenden
und ähnlichem auf das mittelalterliche Weltbild sowie einer Einheit
von Kunst, Religion, Mensch und Natur zurückbesann. In Rom war es eine
Gruppe Deutscher, die als Nazarener (gegründet 1809, mit stark religiös
geprägter Ausrichtung) die Romantik propagierte, in England v. a. die
Präraffaeliten (1848 gegründet, sah die Gruppe ihre Vorbilder
in den Malern der Zeit Raffaels, also des 13. Jahrhunderts). Weder Turner
noch Friedrich gehörten jedoch einer dieser Gruppen an, sondern entwickelten
jeweils ihre eigenen Stile.
Turner gab bevorzugt Wetterstimmungen und Landschaften wieder, häufig
bestückt mit Schiffen oder Gebäuden, die er zum großen Teil
auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa festhielt. Es sind atmosphärische
Bilder aus Licht und Farbe, die den späteren Impressionismus beeinflussten.
In seinem Spätwerk lösen sich die Gegenstände nahezu auf
und er beschäftigte sich mit Goethes Farbenlehre, die ihn zu den zwei
Bildern "Schatten und Dunkel - Am Abend der Sintflut" (1843, öl
auf Leinwand, 78,7 x 78,1 cm) und "Licht und Farbe - Am Morgen nach
der Sintflut" (1843, öl auf Leinwand, 78,7 x 78,7 cm) anregten,
ebenjene, die gestohlen wurden. In "Schatten und Dunkel" beispielsweise
stellte Turner die kalten (Blau dominiert im oberen Teil des Bildes) und
warmen Farben (Rot dominiert im unteren Teil des Bildes) gegenüber,
die nach Goethes Theorie unterschiedliche Emotionen auslösen.
Während Turner eher verschwommen und verwischt malte und man sich bei
seinen Bildern intensiv mit der Gedankenwelt des Malers auseinander setzen
muss, um sie zu verstehen (falls man nicht intuitiv ein Gespür für
Romantik hat...), sind bei Friedrich die Motive zumeist gut zu erkennen.
Er hebt besonders Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, also die einzelnen
Bildebenen scharf voneinander ab. Im dunklen Vordergrund befinden sich meist
Menschen, die in eine gewaltige und eindrucksvolle Natur blicken, welche
im hellen Hintergrund wiedergegeben ist. Mit seinen häufig verwendeten
Symbolen wie Kreuzen, Mönchen oder Klosterruinen ist Friedrich der
romantisch-religiösen Richtung zuzuordnen.
Da Romantik eine Weltanschauung war und kein eigenständiger Stil, herrschte
in der Architektur und bei den Skulpturen weiterhin der Klassizismus vor,
gegen dessen unterkühlte, rationale Denkweise die Romantik einen Gegenpol
zu setzen suchte. Die gefühlvollen, bisweilen sentimentalen Bilder,
reichen aus heutiger Sicht durchaus in den Kitschbereich hinein, zur damaligen
Zeit jedoch waren sie Ausdruck starker Sehnsucht nach einer Einheit von
Mensch, Religion und Natur.
Weitere Infos:
Unter
www.tate.org.uk findet sich eine ausgezeichnete Zusammenstellung der
Turner Sammlung in der Tate Gallery. Den Ort des Verbrechens findet ihr
unter
www.schirn-kunsthalle.de.