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Alina Fox: Gestohlene Meisterwerke. Von Ariana Rüssler. Teil 4
"Die Kunst ist ein Kompliment der Natur" (Novalis, 1772-1801, Dichter)

Mitgenommene Romantiker
von Ariana Rüsseler

Am 28. Juli 1994 stahlen professionelle Diebe aus der Frankfurter Schirn Kunsthalle drei Bilder, die zusammen einen Wert von 44.000.000 US-Dollar besitzen. Die noch recht jungen Diebe überfielen einen Wachmann und nahmen die Gemälde samt Rahmen und Verglasung von den Wänden, ohne Alarm auszulösen. Die Belohnung für die Wiederbeschaffung beläuft sich auf 250.000 US-Dollar. Die Bilder, ein Caspar David Friedrich ("Nebelschwaden") sowie zwei William Turner, waren pikanterweise Leihgaben für die Ausstellung "Goethe und die Kunst" gewesen. Der Friedrich war von der Hamburger Kunsthalle zur Verfügung gestellt worden, die Turners von der Londoner Tate Gallery. Den Versicherungswert der Turner-Bilder, zusammen 24 Millionen britische Pfund, bekam die Tate Gallery anstandslos ausgezahlt und sie konnte ihn durch eine gute Wertanlage bis 1999 auf 31 Millionen Pfund vermehren. Für den Fall, dass die beiden Meisterwerke wieder auftauchen sollten, hätte das Museum die gewaltige Summe zurückzahlen müssen.

Wie die Jahre so vergingen, ohne dass sich eine Spur der Bilder fand, wurde die Tate Gallery langsam unruhig. Millionen von Pfund ruhen zu lassen, nur auf den Verdacht hin, die Bilder könnten wiederbeschafft werden, erschien ihr Verschwendung. Mit Regierungsunterstützung "kaufte" sich die Tate den Rechtsanspruch auf die beiden Turnerbilder bei den Versicherungen Axa Nordstern und Hiscox für 8 Millionen Pfund zurück. Die verbleibenden 23 Millionen Pfund sollen zu einem Teil für den Erhalt der bestehenden Sammlung eingesetzt werden, da ein gleichwertiger Ersatz der beiden Turners auf dem derzeitigen Markt so gut wie ausgeschlossen ist. Die Tate besitzt die weltweit größte Turner Sammlung.

Sowohl Joseph Mallord William Turner (1775 London - 1851 London) als auch Caspar David Friedrich (1774 Greifswald - 1840 Dresden) waren Maler der Romantik, die in Europa etwas den Zeitraum von 1800 bis 1830 umfasst. Romantische Tendenzen sind aber auch nach der Jahrhunderthälfte noch spürbar. Ihren Ursprung hatte die Romantik in Deutschland, wo man sich in Märchen (1812 veröffentlichten die bekannten Gebrüder Grimm ihre "Kinder- und Volksmärchen"), Dichtungen, Nibelungensagen, Ritterlegenden und ähnlichem auf das mittelalterliche Weltbild sowie einer Einheit von Kunst, Religion, Mensch und Natur zurückbesann. In Rom war es eine Gruppe Deutscher, die als Nazarener (gegründet 1809, mit stark religiös geprägter Ausrichtung) die Romantik propagierte, in England v. a. die Präraffaeliten (1848 gegründet, sah die Gruppe ihre Vorbilder in den Malern der Zeit Raffaels, also des 13. Jahrhunderts). Weder Turner noch Friedrich gehörten jedoch einer dieser Gruppen an, sondern entwickelten jeweils ihre eigenen Stile.

Turner gab bevorzugt Wetterstimmungen und Landschaften wieder, häufig bestückt mit Schiffen oder Gebäuden, die er zum großen Teil auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa festhielt. Es sind atmosphärische Bilder aus Licht und Farbe, die den späteren Impressionismus beeinflussten. In seinem Spätwerk lösen sich die Gegenstände nahezu auf und er beschäftigte sich mit Goethes Farbenlehre, die ihn zu den zwei Bildern "Schatten und Dunkel - Am Abend der Sintflut" (1843, öl auf Leinwand, 78,7 x 78,1 cm) und "Licht und Farbe - Am Morgen nach der Sintflut" (1843, öl auf Leinwand, 78,7 x 78,7 cm) anregten, ebenjene, die gestohlen wurden. In "Schatten und Dunkel" beispielsweise stellte Turner die kalten (Blau dominiert im oberen Teil des Bildes) und warmen Farben (Rot dominiert im unteren Teil des Bildes) gegenüber, die nach Goethes Theorie unterschiedliche Emotionen auslösen.

Während Turner eher verschwommen und verwischt malte und man sich bei seinen Bildern intensiv mit der Gedankenwelt des Malers auseinander setzen muss, um sie zu verstehen (falls man nicht intuitiv ein Gespür für Romantik hat...), sind bei Friedrich die Motive zumeist gut zu erkennen. Er hebt besonders Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, also die einzelnen Bildebenen scharf voneinander ab. Im dunklen Vordergrund befinden sich meist Menschen, die in eine gewaltige und eindrucksvolle Natur blicken, welche im hellen Hintergrund wiedergegeben ist. Mit seinen häufig verwendeten Symbolen wie Kreuzen, Mönchen oder Klosterruinen ist Friedrich der romantisch-religiösen Richtung zuzuordnen.

Da Romantik eine Weltanschauung war und kein eigenständiger Stil, herrschte in der Architektur und bei den Skulpturen weiterhin der Klassizismus vor, gegen dessen unterkühlte, rationale Denkweise die Romantik einen Gegenpol zu setzen suchte. Die gefühlvollen, bisweilen sentimentalen Bilder, reichen aus heutiger Sicht durchaus in den Kitschbereich hinein, zur damaligen Zeit jedoch waren sie Ausdruck starker Sehnsucht nach einer Einheit von Mensch, Religion und Natur.

Weitere Infos:
Unter www.tate.org.uk findet sich eine ausgezeichnete Zusammenstellung der Turner Sammlung in der Tate Gallery. Den Ort des Verbrechens findet ihr unter www.schirn-kunsthalle.de.

Literatur:
  • William Turner. Licht und Farbe, Ausst.-kat. Museum Folkwang Essen, Köln 2001.
  • Goethe und die Kunst. In Zusammenarbeit mit den Kunstsammlungen zu Weimar und der Stiftung Weimarer Klassik. Hrsg. Sabine Schulze. Mit Beiträgen von Friedmar Apel, Ilsebill Barta Fliedl, Andreas Beyer, Helmut Börsch-Supan, Frank Büttner, Werner Busch, Gudrun Körner, Detlev Kreikenbom, Petra Maisak, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Ostfildern 1994.
  • Eckhart Kleßmann: Die deutsche Romantik, Köln 1979.
  • Zitat:
    Paul Kluckhohn/Richard Samuel (Hrsg.): Novalis. Schriften, Stuttgart 1965, Bd. 3, S. 248.

Teil 1: Ältestes Museum Englands verliert seinen einzigen Cézanne

Teil 2: Polizisten rauben Museum aus

Teil 3: Picasso verließ unbemerkt das Schiff

Teil 5: "Der Schrei" ist kurzzeitig verstummt 

Teil 6: Tizian wartet an der Bushaltestelle

 

 
 
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