Es war ein grauer nebliger Tag, wie sie es ihn in London so häufig gibt.
Der alte Mann stand an einer Bushaltestelle im süd-westlichen Londoner Vorort Richmond,
zündete sich eine Zigarette an und ließ dabei seine rot, blau und weiß gemusterte Einkaufstüte
nicht eine Sekunde aus den Augen. Als Charles Hill auftauchte überreichte er sie ihm mit den
Worten "Hier ist es". Hills warf einen gespannten Blick in die Tüte. Tatsächlich, da war er der
Tizian, unversehrt und wohlbehalten.
So (oder nahezu so, vielleicht schien auch die Sonne, denn es war ein Tag im August 2002)
gestaltete sich das Happy End eines Diebstahls, der im Januar 1995 seinen Ursprung nahm. Damals
war der Tizian aus der Privatsammlung des Lord Alexander Marquis of Bath aus seinem Schloss Longleat
(bei Salisbury) entwendet worden. Die Diebe schalteten die Flutlichtanlage des Schlosses aus, kletterten
an der Mauer hoch, warfen ein Fenster ein und entkamen, während die Alarmanlage schrillte, mit insgesamt
drei Bildern.
Der über 70-jährige Hausherr, der als einer der exzentrischsten Adligen in England gilt, weilte
währenddessen, wie meist nach dem Dinner, vor dem Fernseher und bekam von all dem nichts mit. Man
sollte ihm zugute halten, dass das für die Öffentlichkeit zugängliche (über 150.000 Besucher jedes Jahr)
und u. a. einen Safaripark beherbergende Longleat über eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Zimmern
verfügt und man demzufolge nicht unbedingt alles mitbekommt, was sich im oder um das Haus herum so tut.
Tizians "Rast auf der Flucht nach Ägypten" (Öl auf Holz) war das wertvollste Stück mit einem Wert von
ca. 8 Millionen britischen Pfund und befand sich bereits seit etwa 1875 im Besitz der Familie. Während der
Marquis die Hoffnung auf Wiederbeschaffung des Bildes nach einem Jahr aufgab und die Auszahlung der
Versicherungssumme von 1 Millionen Pfund akzeptierte, gab Charles Hill, Vietnam Veteran, ehemaliger Mitarbeiter
in der Kunst- und Antiquitätenabteilung Scotland Yards und heute Kunstdetektiv, niemals auf. (Bereits 1994
hatte er Edward Munchs "Der Schrei" nach drei Monaten wiederbeschafft - aber dieses Bild ist Thema einer
anderen Kolumne ...). Hills hatte seine Ermittlungen in zwielichtigen Bars, bei Gefängnisinsassen und in
Kontakt mit Kunstdieben durchgeführt. Über Jahre hinweg erfolglos. Den Durchbruch brachte ein Bericht am Radio.
Anonym meldete sich ein Anrufer und bot die Widerbeschaffung des Bildes gegen die ausgesetzten 100.000 Pfund
Belohung an. Daraufhin spielte sich die Szene an der Bushaltestelle ab, Ob nun dieser alte Mann der anonyme
Anrufer oder gar der Dieb war und wer v.a. die Belohung erhielt, bleibt ein Geheimnis.
Tizian (1487 - 1576) war ein venezianischer Maler der Renaissance und Zeitgenosse Michelangelos,
Raffaels und Leonardo da Vincis. 1533 ernannte ihn Karl V. zum Hofmaler, Pfalzgrafen und Ritter des
Goldenen Spornes.
Tizian war ein herausragender Kolorist, der den Eigenwert der Farbe erkannte und damit nicht zuletzt
die Impressionisten beeinflusste. Neben historisch-mythologischen Themen ist er v.a. für seine zeitgenössischen
Portraits bekannt. Sein wohl bekanntestes Gemälde, die "Venus von Urbino" zählt zwar oberflächlich zu den
mythologischen Themen, aber eigentlich ist klar, was er unbedingt darstellen wollte, oder?
Bilder: Venus von Urbino, 1538 Öl/Lw, Galleria degli Uffizi (Uffizien), Florenz
Tipp:
Wer den exzentrischen Marquis und sein Wunderland besuchen möchte, kann
dies unter
http://www.longleat.co.uk
tun.